Blick zurück: 50-jähriges Jubiläum der Engel Apotheke

Mindelheimer Zeitung im September 2001

Lang bleiben die net auf’m Land!
Prophezeihung traf nicht ein – Seit 42 Jahren führt Günther Hakert die Apotheke Von unserer Mitarbeiterin Eva-Maria Frieder

Ob Kopfschmerztablette oder Babywindel, eigens gemischte Tinktur oder Blutegel, Hebammen ­Fertigkpaket oder Heftpflaster – Günther Hakert schickt niemanden mit leeren Händen fort, der in seine Apotheke kommt. Einen guten Rat und einen Scherz gibt es gratis dazu. Und das seit nunmehr 50 Jahren. Zusammen mit seiner Frau Gigga ist eine Institution im Dorf geworden.

Um genau zu sein, gibt es die Hakerts in Ettringen erst seit 42 Jahren, aber die Apotheke existiert seit dem 25. September 1950. Damals befand sie sich noch im Gerum-Haus (heute Stauferstraße 13). Die eigens angefertigten Holzbuchstaben „Engel-Apotheke“, die die Fassade zierten, sind längst abhanden gekommen. Der Hamburger Günther Hakert und seine Frau, die „aus dem hintersten Erzgebirge“ stammt, übernahmen 1959 die Landapotheke mitsamt der Wohnung. Noch heute ist das Apotheken-Team eher eine Familie als ein Geschäft.

Zum 50-jährigen haben Günther und Gigga Hakert eigens eine kleine Chronik zusammengestellt, die die Geschichte dokumentiert. Erwähnt ist hier unter anderem die gute Zusammenarbeit mit den örtlichen Ärzten, der Neubau eines eigenen Hauses 1972, in dem mittlerweile vier Kinder Platz haben mussten, und – als neueste Errungenschaft – die Einrichtung einer eigenen Homepage im Internet mit Tipps und einem stets aktuellen Notdienstkalender.

Was nicht in der Chronik zu finden ist, das sind die Geschichten am Rande, die das eigentliche Leben ausmachen und von denen die Hakerts so viele auf Lager haben, dass sich eine eigene Zeitung damit füllen ließe. Das lebhafte, engagierte und humorvolle Ehepaar verstand es immer, den Ereignissen ihre heiteren Seiten abzugewinnen.

Unleserliches Rezept

„Das allererste Rezept, das mir ein Kunde brachte,“ erinnert sich Hakert, „war vom Türkheimer Arzt Dr. Lotze, der eine schreckliche Klaue hatte – ich konnte es nicht lesen und musste den Mann vertrösten.“

Anfangs wurden die „Reing’schmeckten“ von den Dörflern mit Misstrauen beäugt. Eine Frau Apotheker, die in den 50er Jahren Jeans trug, im Bikini die Wäsche aufhängte und auf dem damals noch ungeteerten Weg vor dem Haus mit ihren Kindern Federball spielte? Das konnte ja nix Gescheites sein. „Mei, lang bleiben Sie net auf’m Land,“ wurde ihnen prophezeit.

Aus dem „net lang“ wurden 42 Jahre, und wenn die Hakerts heute nach dem Urlaub wieder in Ettringen einlaufen, werden sie überall mit herzlichem Winken begrüßt, „und uns geht das Herz auf. Hier sind wir zuhause.“ Viel ist passiert in all den Jahren. Hakert erinnert sich an einen frischgebackenen Vater, der nach fünf Buben endlich ein Mädchen bekam und nachts beim Notdienst nach einer Flasche Cognac fragte, die er dann mit dem Apotheker vor Freude gleich an Ort und Stelle leerte.

Er erinnert sich an den Winter 62, als man vor lauter Schnee nicht mehr aus den Fenstern sah. Oder an jenen Samstag, wo er zur Hochzeit seiner Schwägerin fahren sollte und in Smokinghosen und weißem Kittel noch kurz im Laden stand – und genau da kam der Pharmazie-Rat zur jährlichen Kontrolle… Manch ein Ettringer erinnert sich auch an die Zeit, als die Apothekerskinder junge Gänse aufzogen und diese dann fauchend am Eingang die Kunden verscheuchten…

Gerne erzählt Hakert vom feuchtfröhlichen „Akademischen Kegelclub“ mit Arzt, Schulrektor, Zahnazrt und Tierarzt, von den Freuden des Faschingsfesten, wo er 18 Jahre lang „der Boss vom Komitee“ war, oder von den 24 Jahren als Gemeinderat.

Stolz ist Hakert auch darauf, dass er in dem Ruf steht: „Wenn man was braucht und es nirgends kriegt, dann geht man halt nach Ettringen!“ Er verzeichnet jährlich Rezepte von rund 300 verschiedenen Ärzten aus der ganzen Region. Ans Aufhören denkt Günther Hakert noch lange nicht, denn die Arbeit ist für ihn Hobby, aber ein wenig langsamer tut er doch. „Ich bin jetzt,“ meint er schmunzelnd, „mehr als Berater und Unterhalter tätig. Wenn Kunden im Laden sind, und es wird gelacht, dann freut mich das.“


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