Die Papierfabrik (Holzstofffabrik)


An langen Winterabenden wird Michael Lang mit seinem Vater und seinem Bruder Georg das Problem des Grundstückskaufs und das der schwierigen Finanzierung besprochen haben. Am Aschermittwoch 1895, einem kalten und schneereichen Tage, war es schließlich soweit. Die Brüder beauftragten ihre 12jährige Nichte, zum “Gernscheitlehäuschen“ zu gehen, um den alten Scheitle wegen des Grundstückkaufes ins Dorf zu bitten. Dieser Mann lebte recht und schlecht hier draußen vor dem Dorf in einem kleinen Anwesen, welches am Platze der jetzigen Papiermaschine 2 stand und aus dessen Fenstern oft genug die Armut herausschaute. Im hohen Schnee stapfte das Mädchen über die Wertachbrücke, an der Statue des heiligen Nepomuk vorbei auf das Häuschen zu. Scheitle hatte das Mädchen kommen sehen und eilte ihm entgegen. Die Nichte richtete ihren Auftrag aus und kehrte sofort ins Dorf zurück, da sie den Fastenunterricht nicht versäumen wollte. Am gleichen Nachmittag war Scheitle schon bei den Brüdern, wo man sich rasch einig wurde, das Grundstück zu kaufen, bzw. zu verkaufen. Die ängstliche Mutter war mit der Angelegenheit nicht einverstanden, da der Vater eine erhebliche Bürgschaft leisten musste. Dennoch wurde am selben Tage der große Platz vor dem Gernscheitlehäuschen beim Notar in Türkheim auf die Gebrüder Lang protokolliert. Und schon am 14. Februar 1896 begann man mit dem Bau der Holzstofffabrik.

Erdarbeiten am Kanal für die Turbine

Erdarbeiten am Kanal für die Turbine

Zunächst mussten Kanalarbeiten durchgeführt und das Turbinenhaus errichtet werden. Dazu setzte man hauptsächlich einheimische Tagelöhner und italienische Gastarbeiter ein.

Noch besaß Michael Lang das Sägewerk in Großaitingen, und so musste er mit dem Fuhrwerk in Westerringen an der Eisenbahn abgeholt und hingefahren werden. Auf der Baustelle arbeitete vorwiegend die ganze Familie mit den Verwandten und Leuten aus dem Dorfe, die auch Pferde und Fuhrwerk zur Verfügung stellten. Nach relativ kurzer Bauzeit stand das Gebäude, jedoch geriet der Dachstuhl in Brand und wurde gänzlich eingeäschert. Ob eine Brandstiftung vorlag, konnte nicht restlos geklärt werden, allerdings war der Verdacht sehr nahe liegend. Es ist nun einmal so in der menschlichen Gesellschaft, der blinde Neid und die hässliche Missgunst sind und bleiben die feindlichen Brüder des Erfolgs, selbst wenn dieser noch so bescheiden ist.

Baustelle am unteren Wehr

Baustelle am unteren Wehr

Baustelle am unteren Wehr

Baustelle am unteren Wehr

 Das Pech verfolgte Michael Lang weiter. Der Turbinengraben wurde vor seiner Vollendung von den reißenden Wassermassen eines Wertachhochwassers, wie schon früher berichtet, zerstört. Aber “der Fabrikler” ging unbeirrt seinen schweren Weg.

Nach einem Jahr lief endlich am 1. März 1897 die Turbine an, und man begann mit der Produktion von Holzstoff. Die Belegschaft zählte insgesamt 16 Arbeiter. Sie erhielten einen Wochenlohn von 13,20 Mark, abzüglich 20 Pfennige Krankengeld bei einer Arbeitszeit von 72 Stunden in der Woche. Den Holzschliff fuhr man mit Pferdewagen nach Westerringen zur Bahn und verlud ihn zur Weiterverarbeitung in naheliegende Papierfabriken.

Neben dem Holzstoff wurde auch der Sprit aus der Brennerei Ostettringen zur Bahn in das nahegelegene Westerringen gefahren. Gerissene und durstige Fuhrleute bohrten öfters eines der Fässer an und saugten mit einem Röhrchen oder einem Strohhalm den hochprozentigen Alkohol an.

Im Jahre 1900 schied Georg, der Bruder von Michael Lang, aus dem Geschäft aus. Er bearbeitete weiter seinen Hof. Allein nahm sich Michael Lang ein größeres Ziel vor, denn er hatte bald erkannt, dass es zur Existenzsicherung seines Unternehmens für

Baustelle am unteren Wehr

Baustelle am unteren Wehr

die Zukunft notwendig war, selbst Papier an Ort und Stelle herzustellen.

Am 22. Februar 1910 begann er deshalb eine Papierfabrik mit einer neuen Dampfanlage zu bauen und war stolz, als aus der Maschine am 31.

Baustelle am unteren Wehr

Baustelle am unteren Wehr

Dezember 1910 gegen 17:30 Uhr das erste “Langpapier” lief. Das Gebäude war in der relativ kurzen Zeit von zehn Monaten vorwiegend von italienischen Arbeitern erstellt worden. Stolz wurde vermerkt, dass im ersten Jahre 2497 Tonnen Papier hergestellt wurden. Die Glückssträhne sollte nicht lange

Holzstofffabrik

Holzstofffabrik

anhalten; denn der erste Weltkrieg und die darauffolgende Inflation brachten die Firma in ein schweres Fahrwasser. Zwei Drittel der Arbeiterschaft mussten zum Kriegsdienst einrücken, und als der Weltkrieg zu Ende ging, da schafften nur noch 17 Arbeiter im Werk. Der Kohlenmangel schränkte die Produktion bis zum Jahre 1923 ein, und erst 1924 ging es endlich bergauf, da jetzt die langersehnte Ruhrkohle wieder angeliefert wurde.

Zielstrebig erschloss die Firmenleitung neue Absatzmärkte. So kamen umfangreiche Transportaufträge ins Haus, wobei z.B. monatlich bis zu 27 Waggons Papier nach China exportiert wurden. Leider zerschlugen sich bald die Chancen auf diesem fernöstlichen Absatzmarkt durch den beginnenden chinesisch-japanischen Krieg.

 

Die PM 1 im Jahre 1911, v. l. Michael Lang, Hermann Lang und 2 Bertriebsleiter

Die PM 1 im Jahre 1911, v. l. Michael Lang, Hermann Lang und 2 Bertriebsleiter

 Nach einem Leben voller Höhen und Tiefen, kaufmännischem Wagemut, unbeirrter Zielstrebigkeit und auch einer großen Portion Entbehrungen verstarb im Alter von 70 Jahren am 21. Mai 1932 der Firmengründer und erste Ehrenbürger von Ettringen, Michael Lang. Er war nicht nur ein kühlrechnender Kaufmann, er war auch ein Mann mit feinsinnigem Charakter und einem gewissen Hang zur Lyrik. Mir liegen Gedichte vor, die er in jungen Jahren niedergeschrieben hat. Seine Schrift ist schwungvoll betont, klar und von gestochener Exaktheit. Lassen Sie mich bitte hier ein Gedicht anführen, welches vom 12. Juli 1882 datiert ist.  

 Winterlied

Wenn ich einmal der Stadt entrinn,
Wird’s mir so wohl in meinem Sinn.

Ich grüße Himmel, Meer und Feld
In meiner lieben Gotteswelt!

Ich sehe froh und frisch hinein
So glücklich wie ein Vögelein,
Das aus dem engen Kerker fleugt
Und singend in die Lüfte steigt.

Auch sieht mich alles freundlich an
Im Schmuck des Winters angetan.
Das Meer gepanzert, weiß und tot,
Der krause Wald, er, der blinkend loht.

Ein Jahr vor dem Tode des Seniorchefs kam es zu einem der gefährlichsten Hochwasser der Wertach. Es unterspülte nicht nur den mittleren Brückenpfeiler so erheblich, dass das massive Bauwerk sich in der Mitte senkte, nein, es riss am westlichen Ufer ein kleines Wäldchen mit und das ganze untere Wehr zerbarst unter den tosenden Wassermassen. Dabei wurde die Stromzufuhr aus dem Versorgungsnetz der Lechwerke zerstört (die Produktionsausweitung hatte zu einem erhöhtenStromverbrauch geführt, der nicht mehr durch die Eigenerzeugung gedeckt werden konnte). 

Unteres Wehr nach Hochwasser

Unteres Wehr nach Hochwasser

Als auch am östlichen Ufer die Böschung weggerissen wurde, entstand für die Fabrik höchste Gefahr. Eine bange Nacht brach an. Die Wertach gischtete braun von Türkheim her wie ein gefräßiges Ungeheuer. Die Menschen starrten gebannt nachts in die Strudel und konnten erst gegen Morgen erleichtert aufatmen, als das Wasser endlich fiel.

Der zweite Weltkrieg brachte dem Werk wieder große Probleme. Die Produktionszahlen fielen auf 382 t, die im bösen Jahre 1945 erreicht wurden. Einige Monate stand der Betrieb gänzlich still. Erst im November erteilte die amerikanische Militärregierung die Genehmigung zur Weiterproduktion. Von da ab ging es langsam bergauf.

Nach der Währungsreform im Jahre 1948 – eingeleitet durch den unvergessenen damaligen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard – fühlte die Industrie wieder festen Boden unter den Füßen. Ein ungeahnter Aufstieg begann in allen Wirtschafts- und Industriesektoren. Auch die Fabrik unter der Geschäftsführung der zweiten Generation von Hermann Lang erreichte Umsatzsteigerungen, die die Anschaffung einer neuen Fertigungsmaschine notwendig machten. Am 13. Juni 1956 war es soweit, eine zweite Papiermaschine lief an. 1961

Ansicht der Papierfabrik 1957

Ansicht der Papierfabrik 1957

setzte man einen 67-atü-Kessel ein mit einem Entnahme-Kondensations-Turbosatz von 4000 kW. 

Für die Firma stand nicht nur die steigende Produktion im Vordergrund ihres Interesses. Sie dachte jedenfalls an ihre Arbeiter, die schließlich ebenso Anteil am geschäftlichen Erfolge hatten. So wurden zahlreiche Werkswohnungen erstellt und eine eigene Altersversorgung eingerichtet.

Ansicht der Papierfabrik 1957

Der neue Kessel entlastete wesentlich die bereits bestehende Kraftanlage. Einen Schritt weiter ging man im Jahre 1963. Auf dem Wege eines neuen Verfahrens (Deinking-Verfahren) verwendete man bedrucktes Altpapier anstelle des Faserholzes zur Herstellung von Zeitungsdruckpapier. Damit beseitigte das Werk ein Abfallprodukt und führte es gleichzeitig dem Produktionsprozess wieder zu. Es betreibt seitdem, wie man mit einem schönen – heute fast heiligen – Modewort sagt, “Recycling”.

Ansicht der Papierfabrik 1957

Am 2. April 1971 begann schließlich die dritte Papiermaschine zu produzieren, die eine Investition von ungefähr 35 Millionen Mark erforderte. Sie erzeugte bei einer vollen Ausnutzung ihrer Geschwindigkeit bis zu 4000 m2 Zeitungsdruckpapier in der Minute. Jetzt schnellte die Produktionsziffer schlagartig hoch. Hatte man von 1911 bis 1960, also in 50 Jahren, 331649 t Papier hergestellt, so waren es im Jahre 1975 bereits 66000 t, bei einem Umsatz von etwa 60 Millionen Mark. Seit 1972 hatte sich der Umsatz verdreifacht und die Produktion fast verdoppelt. Die starke Produktionserhöhung führte zu einem vermehrten Arbeitsplatzangebot, welches in der Gemeinde nicht mehr gedeckt werden konnte. Viele türkische und jugoslawische Arbeiter standen mit an den Maschinen und gehörten zum Ettringer Straßenbild unserer Zeit. Die Zahl der Mitarbeiter hatte inzwischen 350 erreicht. Sie arbeiteten in einem 3-Schicht-Betrieb Tag und Nacht auf einem Betriebsgelände, welches über 200 000 m² groß ist.

Mut und Initiative der Unternehmer – hier seien vor allem die Söhne von Michael Lang, Hermann, der zweite Ehrenbürger Ettringens, Erhard und Alfons Lang genannt -, Fleiß und Treue der Arbeiter haben dieses Werk des Michael Lang, eines Ettringer Bürgers, mit zu dem gemacht, was es heute ist.

Im Jahre 1973 wurde das Familienunternehmen Lang unter gleichzeitiger Aufstockung des Stammkapitals in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Eine neue Zeit mit hohen Anforderungen verlangte eine neue Form. Die bisherige Leitung und Verwaltung musste einem modernen Management weichen.

Nun stand dem Unternehmen ein Team vor, welches von Dr. Fendt, einem gebürtigen Ettringer, geführt wurde und den Nachkommen in der dritten Generation des Firmengründers: Dr. Dieter Lang, Armin Lang und Dr. Wenninger.

Luftaufnahme von 1977

Luftaufnahme von 1977

Jedoch Anlaufschwierigkeiten der Papiermaschine III und ein Preisverfall am Zeitungspapiermarkt brachte die Firma plötzlich in finanzielle Schwierigkeiten. Doch im Herbst 1973 verdoppelten sich die Preise durch eine Energiekrise und damit durch eine Scheinnachfrage vor allem im Export. Euphorisch glaubte man an weitere boomende Jahre. Dies veranlasste Dr. Fendt zu der etwas unkalkulierbaren Maßnahme, einmal durch eine Vielzahl verschiedener Gesellschaften den zwischenzeitlich enorm gestiegenen Kapitalbedarf zu decken, zum anderen durch hohe Kreditaufnahmen den Anschluss an die Großen schneller zu erreichen. Es sollte sich zeigen, dass diese Vorstellung auf die Dauer nicht mehr finanzierbar war. Und so wurde im Sommer 1980 eine Wellpapiermaschine in Betrieb genommen. 1983 weihte man eine 170 Meter lange, 40 Meter breite und 21 Meter hohe Werkshalle zur Aufnahme einer vierten Papiermaschine ein. Die Gesamtinvestitionen beliefen sich dabei auf etwa 140 Mio. DM. Gleichzeitig wurde der Grundstein für eine neue biologische Kläranlage auf Firmengelände gelegt. Schon am 1. Januar 1984 erfolgte der erste Probelauf der PM IV, die eine Jahreskapazität von 150.000 t produzieren sollte. Für das Werk bedeutete das eine Gesamtjahresproduktion an die 280.000 t Zeitungsdruckpapier.

Inzwischen passierte etwas gänzlich Unvorhergesehenes; denn am 3.9.1982 fing kurz nach dem Mittagsschichtwechsel infolge eines technischen Defekts die alte PM l Feuer. Es breitete sich schnell auf die Produktionsanlage und den Dachbereich der Fabrikhalle aus, konnte aber Gott sei Dank von den Wehren aus Ettringen, Siebnach, Türkheim, Amberg, Bad Wörishofen und Mindelheim bald gelöscht werden. Der Schaden des Brandes wurde auf ungefähr eine Million DM geschätzt.

Nun zogen dunkle Wolken bedrohlich über dem Werk auf. Bereits im Sommer 1985 traten bei der Firma Ettwell (Wellpapierhersteller) Schwierigkeiten bei der Lohnzahlung auf. Am 4.10.1985 kam es zur Schließung und 28 Beschäftigte wurden entlassen. Niemand verwunderte es mehr, dass auch die Stammfirma „Papierfabrik Lang AG“ zunehmend in finanzielle und damit existentielle Schwierigkeiten kam. 450 Arbeitsplätze waren in Ettringen plötzlich bedroht. Im Sommer und Herbst dieses Jahres erzeugten durch verspätete oder gar monatlich ausgefallene Lohnzahlungen massive Protestversammlungen der Arbeiter und der Gewerkschaften. Die Firmenleitung versuchte mit durchsichtigen Hinhalteparolen und vagen Versprechungen das Schlimmste zu verhindern. Auch die Gemeinde kam durch die gravierenden Ausfälle in der Gewerbesteuer in einen starken monetären Engpass.

Am 23.9.1985 stellte schließlich eine Landesbank Konkursantrag. Diesem wurde von der Firma ein Vergleichsverfahren vorgeschlagen. Die Krise schwelte unterdessen weiter bis am 13.11.1985 das Konkursverfahren eröffnet wurde.

Außenansicht

Außenansicht

 Es wurde ein Konkursverwalter eingesetzt, der nun versuchte, zu retten, was noch zu retten war, vor allem die Firma und damit die Arbeitsplätze. Einen Monat später verschwand der ehemalige Firmenchef Dr. Fendt, gegen den die Staatsanwaltschaft Augsburg wegen möglicher Wirtschaftsdelikte inzwischen ermittelte.

Diese Geschehnisse wurden hier so penibel aufgelistet, weil sie die gesamte Bevölkerung Ettringens ganz erheblich erschütterte. Die Teilnahme am Geschehen der Ettringer Firma betraf alle im Ort , ganz gleich, ob sie in der Firma arbeiteten oder nicht.

Der Konkursverwalter ließ zunächst die alte PM I und das Wellpappenwerk stilllegen und verkaufte beides an Interessenten in Ägypten. Auch die PM II fand einen Käufer im fernen Indonesien. Schließlich gelang es dem routinierten Verwalter zum Jahresende 1986 die Papierfabrik Gebr. Lang in neue unternehmerische Hände zu legen. Ab 1.1.1987 übernahm der finnische Papierkonzern Myllykoski Oy die Verantwortung für den Betrieb. Rasch ging es jetzt wieder bergauf.

Im Jahr 1987 wurde eine neue Entrindungsanlage installiert und 1999 konnte die PM V in Betrieb genommen werden. Das war eine gewaltige Investition von 410 Mio. DM. Allein die Halle, in der die Maschine steht, ist 247 Meter lang und hat die beachtliche Grundfläche von 13.000 Quadratmetern. 280.000 t Papier erzeugt die riesige Maschine, die mit der rasanten Geschwindigkeit von 2200 Metern in der Minute läuft, d. h. mit der Geschwindigkeit eines schnellen Autos, also mit 132 Stundenkilometern. Damit ist sie weltweit die modernste ihrer Art mit dem bisher höchsten

Gleisanschluss

Gleisanschluss

Altpapieranteil in der Magazinpapierherstellung. Pro Jahr sollten unterm Strich 460.000 t Papier erzeugt werden, der Umsatz sollte sich von 300 auf zunächst 450 Mill. DM steigern und in zwei Jahren schließlich 600 Mio. DM erreichen. Die Zahl der Mitarbeiter wurde von 450 auf 500 aufgestockt.

Gleichzeitig wurde auch die Kläranlage der Firma modernisiert. Durch den Einbau einer Ozon- und Biofilterstufe verringert sich die Belastung der Wertach. Weiterhin entstand im Jahre 2000 eine mächtige Halle in der Größenordnung von 100 mal 150 Metern, die Raum für 25.000 to Altpapier liefert mit einer hochmodernen Altpapieraufbereitung. Damit hatte der finnische Mutter-Konzern seit der Übernahme im Jahr 1987 insgesamt über 700 Mio. DM in das Ettringer Werk investiert.

Im Jahr 2004 wurde in der Firma ein neues Instandhaltungskonzept eingeführt, um in der Zukunft noch vorbeugender und schneller als bisher die Maschinen warten zu können und dadurch unvorhergesehene Stillstände möglichst zu vermeiden. Außerdem wurde eine neue Gesellschaft, die „MD Lang Technical Services GmbH gegründet. Träger sind zu 70 Prozent die MD Lang Papier und zu 30 Prozent die Voith Anlageninstandhaltung Papier GmbH (VIPH). Bis in einem Jahr soll dann das so genannte TPM „Total Productive Maintenance“ eingeführt werden.
Eine 40-Stunden-Woche und eine Jahresarbeitszeit wurde für die Arbeiter beschlossen.

Zur aufwendigen Feier dieses besonders denkwürdigen Ereignisse besuchte am 16.10.1999 der Ministerpräsident von Bayern Dr. Edmund Stoiber das Werk. So ging die Neuzeit nicht spurlos an Ettringen vorbei. Aus dem reinen Agrardorf entwickelte sich ein Industriedorf. Waren die Arbeiter vor hundert Jahren noch Nebenerwerbslandwirte so spezialisierten sie sich allmählich zu Facharbeitern in ihren vielfältigen Unternehmen aus Industrie, Handwerk und Landwirtschaft. Heute kann man ohne Umschweife sagen, dass die Verbindung von zeitgemäßer Landwirtschaft und moderner Industrie sich als sehr kriesenfest erwiesen hat. Hier mag die Wurzel eines gewissen Wohlstands liegen, den Ettringen besitzt. Das darf man ohne Überheblichkeit vermerken.

 
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Eindrücke vom „Tag der Offenen Tür“ im Mai 2001

Als Mitte Juni 2007 in der „Mindelheimer Zeitung“ unter der Überschrift „Lang Papier baut für 100 Millionen ein modernes Heizkraftwerk“ publik gemacht wurde sah man das im Ort als eine normale Baumaßnahme der Fabrik an und die Ankündigung wurde kaum beachtet. Der Grund für diese Baumaßnahme lag darin, dass im Jahr 2012 die Schonfrist für das bestehende alte Schweröl-Kraftwerk ablaufen würde. In der neuen Anlage sollte – so dem damaligen Zeitungsartikel nach – ein Mix von Gas, eigenen Reststoffen aus der Produktion und Ersatzbrennstoffe verbrannt werden. Mit einer Fertigstellung rechnete man im Jahr 2011. Für interessierte Bürger wurde diesbezüglich eine sog. Telefon-Hotline eingerichtet. Weiterhin wurde eine öffentliche Infoveranstaltung mit der Auslegung der Pläne bekannt gegeben. 

Diese Infoveranstaltung erfolgte dann in der Gastwirtschaft auf dem Kellerberg Anfang Januar 2008. Die Firma unterrichtete in drei Hochglanzbroschüren über sich selbst und ihr bauliches Vorhaben. Allerdings gesellte sich nunmehr zum Brennstoffmix auch eine Verbrennung von Klärschlamm. Im Einzelnen sollten maximal im Jahr 500 000 to. folgender Stoffe verbrannt werden: 286 000 to. selbst anfallende Stoffe, davon 200 000 to. sog. Deinkingschlamm, 36 000 to. Reststoffe aus anderen Werken der Konzerngruppe, 20 000 to. Rinde, 50 000 to. kommunaler Klärschlamm und 154 000 to. Ersatzbrennstoffe. Diese sollten sich zusammensetzen aus Kunststoffabfällen, Textilien, Papier und sonstigen Abfällen einschließlich Materialmischungen aus der mechanischen Behandlung von Abfällen. Versprochen wurde der Ersatz einer älteren Anlage durch modernste Technologie, eine deutlich verbesserte Kraft-Wärme-Kopplung, Einsparung fossiler Brennstoffe, Nutzung vorhandener Rohstoffe, positive Überschreitung gesetzlicher Vorgaben zum Umweltschutz, modernste Standards zur Arbeitssicherheit und Gesundheit, sowie die Zukunftsfähigkeit von „Lang Papier“ in Ettringen. 

Während dieser Infoveranstaltung rekrutierte sich sofort die ehemalige Müllverbrennungsopposition aus den Jahren 1984 – 1991. Dies war der Beginn zu einer unseligen Auseinandersetzung in unserem Dorfe zwischen den Arbeitern der Fabrik und vielen Bürgern aus Ettringen und den umliegenden Gemeinden. 

Bürgermeister und Gemeinderat beauftragten in dieser schwierigen Situation, nämlich zwischen Pest und Cholera zu wählen, das „bifa Umweltinstitut“ als Vertreter der Gemeinde in dieser Angelegenheit. Die Gegner des Heizkraftwerkes gründeten die Bürgerinitiative „Gesundes Wertachtal e. V.“, der über 800 Bürger aus umliegenden Gemeinden beitraten. Sie stellten sich gegen eine verdeckte Müllverbrennung, gegen die zweitgrößte Müllverbrennung Bayerns. Sie stellten Schilder auf, organisierten jeden Monat  vor den Toren der Papierfabrik jeweils eine Mahnwache, stellten mehrere Demonstrationsveranstaltungen auf die Beine, sogar in Mindelheim vor dem Landratsamt. Die Bürgerinitiative arrangierte weiterhin viele Infoveranstaltungen mit Sachverständigen und machte ihre Anliegen auch über ZDF, Bayer. Rundfunk und den TV-Allgäu publik. Dagegen drohte die Papierfabrik mit Schließung des Betriebs, einer Demonstration mitten im Dorf, und  möglicherweise mit der Entlassung von 550 Arbeitern. Das Ganze eskalierte schließlich im Juni 2009 in einem Bürgerentscheid über eine Ablehnung oder Zustimmung eines Bauantrags aus Gründen des  Bebauungsplanrechtes. 70% der Ettringer Bürger votierten dabei gegen eine Zustimmung und damit für das Heizkraftwerk. Parallel dazu hatte die Bürgerinitiative die Bürger aufgerufen schriftlich gegen das Vorhaben der Firma Lang vorzugehen. Nebenbei druckte die Mindelheimer Zeitung in der Zeit der heftigen Auseinandersetzungen 45 Leserbriefe pro und 93 Leserbriefe contra Heizkraftwerk  Außerdem gingen fast 11 000 Einwendungen gegen das geplante Heizkraftwerk beim Landratsamt Unterallgäu ein, die im Mai und im Juli 2009 mündlich im Maristenkolleg in Mindelheim wiederum mit Sachverständigen behandelt wurden. Über alledem kam die Finanzkrise über unsere Wirtschaft, die wahrscheinlich auch die Pläne der Firma durchkreuzte, sodass im März 2010 die Firma Lang einen Antrag auf Umrüstung eines Schwerölkessels auf Gasfeuerung stellte, jedoch weiterhin auf die Genehmigung des Heizkraftwerkes durch das Landratsamt beharrte, was bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht geschehen war. Am 5.Oktober 2010 erfolgte dann eine Erste Teilgenehmigung des Landratsamtes Unterallgäu über den Antrag auf immissionsschutzrechtliche Genehmigung nach § 16 BimSchG für die wesentliche Änderung der Anlage zur Herstellung von Papier durch Errichtung und Betrieb eines neuen Heizkraftwerks durch die Firma Gebr. Lang GmbH Papierfabrik. 

Leider blieben einige persönliche Wunden zurück, da sich die Diskussion teilweise so extrem verhärtet hatte, dass es für Manchen auch heute noch kein zurück gibt. Schade!

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