Ettringen von 1870 bis 2005

Eine steigende Bevölkerungszahl, eine explosionsartige Ausweitung der Industrie und der sich ausbreitende Handel, begünstigt durch bessere ausgebaute Straßen und vor allem durch den Bau der Eisenbahn als Personen- und Güterbeförderungsmittel schufen eine neue Welt. Die Industriestädte saugten die Menschen vom flachen Lande, von der Scholle weg, auf der viele Generationen vor ihnen hart und entbehrungsreich gearbeitet hatten. Die verbesserte Hygiene und die Erkennung und Bekämpfung der Krankheitskeime ließen das Durchschnittsalter des Menschen steigen und vor allem die Kindersterblichkeit sinken. Die Landwirtschaft musste mehr erzeugen, sie tat es durch eine Verbesserung der Feldwirtschaft und besonders durch die intensive Bearbeitung des Bodens mit Hilfe besserer Pflüge und des Kunstdüngers. Die landwirtschaftlichen Erträge wurden reicher und konnten nun per Bahn in die Industriezentren in jeder Menge und in kurzer Zeit befördert werden.

ErinnerungsblattIm Jahre 1848 war das Nationalbewusstsein der Deutschen entfacht worden. Die Rivalität Österreichs und Preußens wurde auf dem Schlachtfelde 1866 entschieden. Was blieb daraufhin den 39 Einzelstaaten übrig, als die Vorherrschaft Preußens anzuerkennen. Zudem war Süddeutschland durch den Zollverein an Preußen gebunden. Und als 1870 die dumpfen Kriegstrommeln gegen den Erzfeind Frankreich rasselten, schloss sich das patriotische Band um alle. Nach dem gemeinsamen Siege war ein Fundament erstellt worden, auf dem der “Bund” zum “Reich” und der “Präsident des Bundes”, der König von Preußen, in Versailles zum “Kaiser” ausgerufen werden konnte.

Der Krieg 1870 brachte Deutschland 5 Milliarden Franc Kriegsentschädigung in die Staatskasse. Jedoch alle diese Vergünstigungen und Verbesserungen drangen nur langsam bis auf das flache Land und erst recht mager bis nach Ettringen vor. Leider erreichten sie den Bauern kaum. Am Krieg 1870 hatten von unserem Dorf immerhin 29 junge Männer teilgenommen, einer blieb vermisst und einer starb in Frankreich an Typhus. Alle anderen kehrten gesund zurück.Ehrentafel 14/18

Diesem Auftakt zum großen Völkerkampfe folgte 1914/18 der erste Weltkrieg. Er forderte von unserer Ortschaft einen hohen Blutzoll. 107 Männer rückten ins Feld aus, davon fielen 54, drei wurden vermisst und 13 gerieten in Gefangenschaft.

Die Inflation nach dem verlorenen Kriege brachte für die Bauern große Härten. Entsagungsreich verliefen die Jahre bis 1933. Wie froh war mancher Bauer, dem der Jude in dieser Zeit eine Kuh in den Stall stellte und nicht auf sofortige Zahlung drängte! Im Gasthof “Adler” hatten die Juden Handelsvieh oft angebunden. Teils übten sie den Viehhandel in der Gastwirtschaft aus, teils gingen sie von Hof zu Hof. Hitler brachte dann mit seiner Politik Arbeit für die Arbeiter und Entschuldung für den Bauern. Hand in Hand damit ging jedoch die Aufrüstung und der blutig rote Himmel eines neuen Krieges dräute am Horizont.

Fast über Nacht war Ettringen und vor allem der Wald in Richtung Schnerzhofer Weiher bei Beginn des 2. Weltkrieges für die Regierung interessant geworden. Eine Munitionsfabrik sollte in diesem umfangreichen Waldgebiet errichtet werden. Rasch nahm man den Bau in Angriff indem man zunächst eine breite Straße in Richtung Tussenhausen baute bis zum Abzweig nach dem Kohlersgehau. An die 3000 Arbeiter, zum großen Teil polnische und später französische Kriegsgefangene waren hier emsig am Werk. Mit einer kleinen Feldbahn wurden die Erdarbeiten durchgeführt. Die Unterkünfte standen in den Krautgärten an der heutigen Watzmannstraße, andere waren am Tannenberg errichtet worden. Der Brunnen, den man damals benützte, steht heute noch in der Wiese links auf dem Wege zum Felderhof. Im Jahre 1940 wurde der Bau ebenso plötzlich eingestellt, wie man ihn ein Jahr zuvor mit viel Elan begonnen hatte. Was blieb, war eine gutbefestigte neue Tussenhauser Straße, über deren stabile Betonplatten 1973 eine Teerdecke gezogen wurde. Nachdem die Betonplatten unter der Teerdecke nicht mehr dem wachsenden Schwerlastverkehr standhielten wurde die gesamte Tussenhauser Straße bis zur Einmündung in die Schlatte neu trassiert und neu gebaut. Man begann mit den Baumaßnahmen im Oktober 1983 und gab die alte Ortsverbindungsstraße, die jetzt auch begradigt worden war am 6.8.1984 für den Verkehr wieder frei.

Baracken gegenüber dem Bahnhof für die Kriegsgefangenen

Baracken gegenüber dem Bahnhof für die Kriegsgefangenen

50 Jahre vorher hatte Hitler mit seinen Nationalsozialisten „die Macht ergriffen“ und die blutigen Wunden des letzten vierjährigen Weltkrieges waren noch nicht vernarbt, als die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde. So mussten die Bauernsöhne nun der nächsten Generation wieder zu den Waffen greifen. Und als der 1. September 1939 angebrochen war, dröhnten die aufpeitschenden Fanfaren aus den krächzenden Volkslautsprechern. Hitler verkündete mit seiner rollenden Stimme: “Seit heute morgen 5.45 Uhr schießen unsere Truppen zurück”, das hieß Krieg.

Jetzt mussten selbst viele ältere Männer einrücken, die Pferde wurden zum Kriegsdienst geholt, und die Arbeit blieb den Alten und vor allem den Frauen und Kindern. 342 Männer aus unserem Dorfe kämpften von Norwegen bis hinunter zum afrikanischen El Alamein, von Brest an der Atlantikküste bis nach Stalingrad. 62 fielen, 34 wurden vermisst, 8 schmachteten teilweise jahrelang in unmenschlichen Gefangenenlagern in Sibirien und einige kamen verletzt oder verstümmelt nach Hause. Der Tod hatte wieder einmal in Ettringen grausige Ernte gehalten. Die Daheimgebliebenen mühten sich mit Zugkühen ab, da ja auch die Pferde Kriegsdienst leisten mussten und nicht mehr nach Hause kamen.

Ochsengespann

Ochsengespann

In den Wäldern wurde Seegras zur Matratzenherstellung gezupft, und an den Winterabenden strickten die fleißigen Frauen und Mädchen in den abgedunkelten Häusern Pullover und Westen für ihre Väter und Brüder, die im kalten Winter in Russland froren. Einen gewissen Ersatz bildeten die vielen Kriegsgefangenen verschiedener Nationen, die auf die Höfe verteilt worden waren. Es waren vorwiegend Polen, Franzosen, später auch Russen, die sich hier ganz gut einlebten und in Stall und Feld mithalfen.

Der Krieg ging seinem bitteren Ende entgegen. Tiefflieger beschossen die Bauern bei ihrer Arbeit auf dem Felde und selbst Kinder visierten sie an. Der Mensch zeigte unverfroren seine viehische Grausamkeit. Das Töten ging jetzt leichter als im Mittelalter, wo man seinem Gegner im Nahkampf in die Augen sehen musste. Wie leicht war es jetzt. Ein einziger Druck auf einen Hebel oder auf einen Knopf brachte vielfältigen Tod.

Je länger der Krieg andauerte, um so mehr Städte wurden bombardiert. Auch Augsburg litt unter schweren nächtlichen Flugzeugangriffen. In der Nacht des 26. Februar 1944, 22:50 Uhr wurden in Ettringen Motorengeräusche eines tieffliegenden Bombenflugzeugs gehört, welches scheinbar dem Verlauf der Wertach folgend aus Richtung Augsburg kam. Ein Nachtjäger musste die Maschine durch Bordwaffenbeschuss schwer beschädigt haben. Sie stürzte oberhalb des Gutes Ostettringen ab. Eine ungeheuere Detonation ließ das Dorf erzittern. Viele Fenster zersplitterten, ja, es wurden auch Türen samt Türrahmen in die Zimmer gedrückt. Als der graue Morgen heraufdämmerte, stapften einige Männer durch den tiefen Schnee zur Absturzstelle. Dort fanden sie einen riesigen Krater vor sowie die Leichen der Besatzung, die teilweise bis zur Unkenntlichkeit verkohlt waren. Nur ein einziger Mann hatte sich mit dem Fallschirm retten können. Er meldete sich ängstlich beim Besitzer des Hauses Hahnenbichlstraße 30. Der lieferte den Engländer mit einem Metzgermesser in der rechten Hand als Waffe in der Arrestzelle der örtlichen Polizei ab.

Folgender Bericht liegt mir darüber vor: In der Nacht vom 25. auf den 26.2.1944 wurde zwischen Ettringen und Türkheim, östlich der Wertach ein alliierter Bomber vom Typ Avro Lancaster B. III der Royal Air Force abgeschossen. Die von F/0 Gordon B. Hoddle (vermutlich Australier) geflogene Maschine stürzte ca. 600 m nördlich des Einödhofes Willhelmshöhe ab, wobei 6 Mann der Besatzung (4 Engländer und 2 Australier) getötet wurden. Der einzige Überlebende Sgt. D. P. Dingle (Fit. Eng.) geriet in Gefangenschaft. Gestartet war die Maschine um 18:16 Uhr (britischer Zeit) in Waltham Lincolnshire in England. Beim Abschuss trug die Maschine noch die gesamte Bombenlast. An der Absturzstelle selbst wurde der Bombenauslösegriff mit der Aufschrift „Bomb Jettison“ gefunden. Abgeschossen wurde die Maschine vom Kommodore des Nachtjagdgeschwaders 6, Major Heinrich Wohlers, der zu diesem Zeitpunkt eine Bf 110 G-4 (Messerschmitt) flog. Wohlers kam einige Wochen später (am 15.3.1944) bei einer Nachtlandung im Nebel in der Nähe von Echterdingen selbst ums Leben. So weit der Bericht von englischer Seite.

Der Krieg ging zu Ende. Die I. deutsche Armee stand am 22./23. April 1945 zwischen Ulm, Bayerischem Wald und Passau. Das XIII. Armeekorps bildete einen Winkel, welcher auf der rechten Flanke die Linie Nördlingen-Augsburg-Fürstenfeldbruck und auf der linken die Linie Geislingen-Krumbach-Bad Wörishofen-Schongau verteidigte. Die Amerikaner drängten heftig zur Wertach vor, die sie am 26. April abends bei Schwabegg und Hiltenfingen erreichten. Jetzt überstürzten sich die Ereignisse in Ettringen.

Am gleichen Abend schickte man von Ettringen aus einen Parlamentär (Emil Mayr) nach Hiltenfingen, der jedoch unverrichteter Dinge zurückkam. Vormittags hatte ein verblendeter SS-Offizier die Sprengung der Wertachbrücke angeordnet. Der damalige Volkssturmführer (Eugen Mayr sen.) weigerte sich standhaft, diesen Befehl auszuführen, da er weder damit den verlorenen Krieg abwenden noch den Vormarsch der Amerikaner stoppen könne. Abgesehen davon wäre der Schaden für die Ortschaft ganz erheblich gewesen. Daraufhin griff der Offizier zur Pistole, um seinem Befehl den nötigen Nachdruck zu verleihen. In diesem kritischen Augenblick schritt die Wachmannschaft englischer und kanadischer Kriegsgefangener ein, die in den dramatischen letzten Tagen des Kampfes nach Ettringen verschlagen worden waren und zwang mit vorgehaltenem Karabiner den SS-Mann zum Nachgeben.

Von Balzhausen herkommend waren die SS-Verbände, Reste des XIII. Armeekorps und der 189. Infanteriedivision an diesem Tage auf der Flucht in den Raum Langenneufnach-Walkertshofen gekommen. Sie wurden dabei in das Gebiet Anhofen, Immelstetten, Markt Wald und Schnerzhofen abgedrängt. Durch den Hohlweg bei Bürgle zwängten sich die Kolonnen weiter nach Süden, wobei durch Beschuss neun Soldaten und eine unbekannte Flakhelferin den Tod fanden. Die versprengten Einheiten zogen während der ganzen Nacht durch Ettringen. Als sie den vorrückenden Feind östlich der Wertach antrafen, wendeten sie sich rasch dem großen Waldgebiet in Richtung Tussenhausen zu.

Am 27. April 1945 morgens gegen 8 Uhr rollten die ersten amerikanischen Panzer kampfbereit in die Ortschaft. Ein junger SS – Soldat schoss unsinnigerweise mit dem Karabiner – noch von Hitlers Ideen verblendet – auf einen solchen stählernen Koloss. Dieser schwenkte sofort seinen Turm und schoss in das Haus Hauptstraße 31, welches zerstört wurde. Ebenso erging es dem Hause Stauferstraße 21. Bei der überstürzten Flucht hatten die deutschen Soldaten geladene Minenwerferlafetten an der Ecke Staufer – Hauptstraße zurückgelassen, die durch die entstandene Hitze der beiden brennenden Häuser explodierten und in der Stauferstraße einen gewaltigen Krater zurückließen. Ein weiterer Schuss traf den Stadel von Hauptstraße 20, welcher ebenfalls lichterloh abbrannte.

Damit war Ettringen von den Amerikanern besetzt. Den Einwohnern kam der Umstand zugute, dass am 23. April etwa 2000 englische und kanadische Kriegsgefangene zur Einquartierung auf die Häuser und Stadel des Dorfes verteilt worden waren. Da sie jetzt ihre Freiheit wieder erhielten und Landsleute unter den anrückenden Truppen trafen, mag vielleicht die Ortschaft vor großem Schaden bewahrt worden sein.

Überraschend meldete sich im März 1998 ein englischer ehemaliger Offizier, der als Gefangener vom 25. April 1945 die Besetzung unseres Dorfes durch die Amerikaner miterlebte. Interessant ist der Erlebnisbericht, den hier ein ehemaliger Gegner über diese beängstigenden Tage in Ettringen abgibt. Er schreibt unter anderem folgendes:

Nach ungefähr 53 Jahren erinnere ich mich an Ettringen als eine Zufluchtsstätte der Sicherheit und an den Ort, in dem für mich der Krieg endete. Ich erreichte Ettringen am25. April 1945 mit mehreren britischen und amerikanischen Kriegsgefangengenen. Ich kam mit vielen anderen in ein Stadel, gefüllt mit Stroh und Heu. (Sirch Xaver, Tussenhauser Straße 2).

Rechts neben dem Gasthaus Adler das Anwesen Sirch, Tussenhauser Straße 1957

Rechts neben dem Gasthaus Adler das Anwesen Sirch,
Tussenhauser Straße 1957

Am 26. sprachen einige meiner Kameraden mit dem befehlshabenden Offizier der Wehrmachtstruppe. Er nahm zur Kenntnis, dass es für ihn und seine Männer besser sei zu flüchten. Meine Kameraden erinnerten sich, dass er dann mit dem Bürgermeister (Hartner, Anton) gesprochen hat, eine weiße Flagge an der Kirche herauszuhängen und das Dorf als “Offen” zu erklären.
Während dieses Abends bat er mich eindringlich am nächsten Morgen mit dem Offizierskameraden Edwards aufzubrechen und an das andere Ende des Dorfes zu gehen, um bei der Besetzung des Dorfes die amerikanischen Streitkräfte zu begrüßen, in der Hoffnung, dass das Einmarschieren friedlich von statten gehen würde. Wir wurden von einer Person begleitet, die eine weiße Flagge trug, dessen Indentität mir unbekannt war, weil ich dachte, er sei ein Wehrmachtsoffizier, aber Edwards meinte, er sei der Ortskommandant.
Beim Verlassen des Stadels am nächsten frühen Morgen lag die Kirche links von uns und es wehte dort eine große weiße Fahne. An manchen Häusern wehten ebenso weiße Flaggen. Nachdem wir etwa eine halbe Meile gegangen waren, näherte sich uns ein militärisches Kettenfahrzeug mit einem Anhänger. Der Fahrer stieg aus und stellte sich vor uns. Es war ein sehr langer Kerl, elegant gekleidet, ein SS – Offizier mit dem fürchterlichen Totenkopf an seiner Mütze. Ich erwartete, dass er uns erschießen würde, besonders den Deutschen mit der weißen Fahne. Nachdem er mit unserem deutschen Begleiter gesprochen hatte stieg er in sein Fahrzeug und fuhr davon. Wir setzten unseren Weg fort bis uns Geschützfeuer zwang, bei einer Familie in einem Keller Schutz zu suchen. Späterhin setzten wir unseren Weg fort und sahen Pferde, die eine schwere Kanone gezogen hatten tot da liegen. Wir erfuhren, dass ein deutscher Panzer von den Amerikanern zerstört worden sei und die Mannschaft dabei gefallen sei. Nicht weit von dem Platze, an dem uns der SS – Offizier aufgehalten hatte sahen wir auf der rechten Seite, dass die Seitenwand eines Hauses durch eine Explosion fortgerissen worden war, sodass das Vieh im Freien stand. Wie auch immer, der SS – Offizier hatte seine Ausrüstung fast ganz weggeworfen. Als wir unser Stadel erreichten, begannen die zurückweichenden Wehrmachtstruppen Richtung Süden zu marschieren. Erschöpfte Pferde zogen die Wagen und die Soldaten waren ebenso erschöpft. Es war ein wirklich trauriger Anblick.
Endlich kamen die Amerikaner und für den Rest des Tages füllte sich der Bauernhof mit Soldaten, die kapituliert hatten und unter der Bewachung der Amerikaner ihre Waffen und Ausrüstungen abgaben, eine Form, die wir alle erdulden mussten. Das war nicht der Augenblick für ein Fest, dieser Anblick war eine menschliche Tragödie – es war der Wahnsinn des Krieges!
Aber allgemein wurden die entlassenen Kriegsgefangenen gut behandelt, ….tranken einige etwas Brennspiritus, (hier handelte es sich um zwei russische Gefangene, die im Gut den Spiritus geholt hatten) zwei starben daran, andere litten in unterschiedlicher Weise an der Vergiftung.
Ich erinnere mich, dass die Amerikaner, als sie gemeinsam ankamen sich unter einer fahrbaren Dusche wuschen und sich entlausten mit amerikanischen schwarzen Soldaten. Unsere Wirtin, die Bauersfrau lud Edwards und mich ein, aus dem Stadel auszuziehen in das Haus und in einem kleinen Raum des Obergeschosses zu schlafen. Ich schlief unter einem Kissen voller Gänsfedern das erste und das letzte Mal in meinem Leben. Ein außergewöhnlicher Komfort. Die Küche war stets voll mit entlassenen Kriegsgefangenen. Voller Schwierigkeit kochte die Frau an ihrem Küchenherd und es gab zeitweilig etwas zu essen.
Ein trauriger Moment war es, als sie uns den Friedhof zeigte hinter ihrem Bauernhaus, wo ein grauer Stein als Erinnerung für ihren Sohn zu sehen war. Die Zeit bringt eine Entfernung. Ich glaube, er ist bei der Luftwaffe gewesen. Am 8. Mai sagten wir Ettringen Lebewohl, als wir zu einer örtlichen Fliegerwiese gebracht wurden, um per Flugzeug nach Hause zu kommen.

Gez. Tom Tate, Im Kriege Offizier der RAF. (Royal Air Force)

Im März 1998 besuchte er Ettringen und suchte nochmals sein damaliges Quartier, den Stadel in der Tussenhauser Straße 2 auf, wo er auch mit Sophie Schmid zusammentraf, die sich noch gut an ihn erinnern konnte.

In diesem Ettringer Stadel war Tom Tate (rechts) im April 1945 als Kriegsgefangener einquartiert. Ein bewegender Moment war für ihn , seiner Gastgeberin Sofie Schmid (Mitte) die Hand zu schütteln. Bürgermeister Robert Sturm bereitete Tate einen herzlichen Empfang. (Bild: Frieder, Mindelheimer Zeitung)

In diesem Ettringer Stadel war Tom Tate (rechts) im April 1945 als Kriegsgefangener einquartiert. Ein bewegender Moment war für ihn , seiner Gastgeberin Sofie Schmid (Mitte) die Hand zu schütteln. Bürgermeister Robert Sturm bereitete Tate einen herzlichen Empfang. (Bild: Frieder, Mindelheimer Zeitung)

Endlich, der Krieg war zu Ende. Der Krieg war verloren. 650 Vertriebene musste Ettringen aufnehmen, die ihre Heimat hatten verlassen müssen. Zumeist kamen sie aus dem Sudetenland mit einem kleinen Bündel Habseligkeiten, dem Kriegsinferno entronnen. In den Häusern mussten alle zusammenrücken, Arbeitsplätze waren rar, nur die Landwirtschaft bot einige an. War doch zu jener Zeit Brot wertvoller als Geld. Gerade in dieser schweren Zeit von 1946 bis 1952 war Josef Lang Bürgermeister. Ihm kam die undankbare Aufgabe zu, die Ausgesiedelten in die Häuser und Wohnungen einzuweisen, die ja nicht für zwei oder gar drei Familien eingerichtet waren. So waren heftigste Streitigkeiten vorprogrammiert. Diese zu schlichten war eine weitere übel gelohnte Aufgabe, die man ihm zeitlebens von einigen leider übelnahm. Selbst Sühnetermine beim Bürgermeister brachten oft nicht den erhofften häuslichen Frieden.

Die Städter entdeckten wieder das Land und bettelten Kartoffeln, Milch, Fleisch und Eier. In den Stadeln wurden nachts Sauen und Kälber schwarzgeschlachtet, “Ami-Zigaretten” wurden auf dem schwarzen Markt unter der Hand gehandelt, und als 1948 die Währungsreform stabile Verhältnisse schuf, begann das Leben wieder in normale Bahnen einzumünden. Von den zugezogenen Heimatvertriebenen waren 1950 bei einer Einwohnerzahl von 2124 es allein 646, 1961 waren es immer noch 492, so dass das Dorf über 2000 Einwohner zählte. Trotz all der üblen Querelen, die die Einweisung der Heimatlosen mit sich brachte, erfolgte schließlich im Laufe der Zeit ein Zusammenwachsen der unterschiedlichen Landsmannschaften in Ettringen. Vernunft und Einsicht, und die Fähigkeit, sich mit den aufgezwungenen Gegebenheiten in einer großen Notzeit abzufinden behielten gottlob die Oberhand. Viele Heimatvertriebene bauten sich ein eigenes Heim, die örtlichen Baufirmen nahmen dadurch teil am Aufschwung. 

Bürgermeister Josef Lang

Bürgermeister Josef Lang

Handel und Wandel schufen nach vielen dunklen Jahren zaghafte Lebensfreude und einen wachsenden Wohlstand. Schließlich und endlich verbanden die einzelnen Vereine die Menschen unterschiedlicher Herkunft, sowie die Heiraten zwischen den „Alteingesessenen“ und den „Vertriebenen.“ Die Liebe ist und bleibt doch immer wieder das beste Bindemittel in unserer Welt. 

In die Enge des Zusammenwohnens brach im Jahre 1949 in Ettringen und in Siebnach eine Typhusepidemie aus, deren Herkunft ungeklärt blieb. Man nahm an, dass die Ursache eine alte Wasserleitung gewesen sei, die durch den alten Kirchfriedhof in das Haus führte, welches an dessen nordöstlicher Ecke stand und die dann weiter bis zur Molkerei führte. Allgemein sind allerdings Mäuse meist die Ursache einer solchen seuchenhaften Erkrankung. Jedenfalls stellte man sofort die Wohnhäuser der Erkrankten unter Quarantäne. Die Bewohner wurden von außen durch das Fenster mit den notwendigen Lebensmitteln versorgt und im Dorf patrouillierte ein starkes Polizeiaufgebot zur Überwachung der Quarantänemaßnahmen Tag und Nacht auf den Straßen. In Ettringen starben 10 und in Siebnach 2 Einwohner an Typhus.

Das Baugelände im Ort musste nun selbstverständlich durch den enormen Zuzug jetzt dringend erweitert werden. Im Jahre 1957 wurde das erste Haus in der Westsiedlung gebaut. Die Siedlung wirkte zunächst wie ein kleiner Ableger des Dorfes,jedoch wurde vom Jahre 1968 an die Lücke zwischen der Siedlung und dem Dorfe nach und nach geschlossen.

Westsiedlung um 1960

Westsiedlung um 1960

Hier entstand auf der rechten Seite der Tussenhauser Straße ein kleines Industriegebiet, in dem sich mehrere Handwerksbetriebe ansiedelten. Schnell war das Areal an der Römer- und Keltenstraße aufgeteilt. Da baute eine Dachdeckerei und Spenglerei ihre Halle, in der später noch dazu die Produktion von Kunststofffenstern aufgenommen wurde. Südlich entstand ein Bau- und Stalleinrichtungsgeschäft und einige Jahre später ein Kostümverleih. An der Tussenhauser Straße entstand rasch die Halle einer Öl- und Gasfeuerungsfirma, und östlich davon baute ein Bau- und Baggerbetrieb ebenfalls. 

In der Welfenstraße 10 baute im Jahre 1962 ein Gärtner ein erstes Gewächshaus, nachdem er von einem kinderlosen Ehepaar ein Grundstück mit dem dazugehörigen Haus erwerben konnte. 1968 baute er an und erweiterte seine Glashausfläche. Jetzt wurde das Gebiet vollends durch die Teerung der Straßen im Jahr 1978 erschlossen.

Ein Dachdeckermeister, ein Getränkemarkt, eine Kunst- und Bauschlosserei und ein Zentrum für Physiotherapie siedelten sich nach und nach um die Jahrtausendwende im Gebiet der Germanen- und Markstettenstraße an.

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Gewerbegebiet West 2003

Dieser enorme und schnelle wirtschaftliche Aufschwung hatte, wie schon an anderer Stelle erwähnt, bereits in den 60er, 70er und 80er Jahren begonnen und der hatte zur Folge, dass die heimische Bevölkerung den damit entstandenen Arbeitsplatzbedarf nicht mehr decken konnte. Deshalb kamen in diesen Jahren bis zu 200 Gastarbeiter in unser Dorf. Zum größten Teil waren es Türken, zum geringeren Jugoslawen. Viele ließen ihre Familien nachkommen, deren Kinder dann oft sich hier verheirateten und blieben, während die meisten Eltern mit Erreichen des Rentenalters in ihre Heimat zurückkehrten. Es kann niemanden verwundern, dass im Jahre 1978 in der neuen Einheitsgemeinde von 27 Neugeborenen 8 türkische Kinder beim Standesamt gemeldet waren.

Eine ärztliche Versorgung gab es bereits seit dem Jahre 1924 in unserem Dorfe. Damals hatte ein gewisser Dr. Bechler in dem Hause Welfenstraße 4 (das Haus steht nicht mehr) die erste ärztliche Praxis in Ettringen eröffnet. Er war noch ein Allroundmediziner, der von der Geburtshilfe bis zum Zahnziehen, vom Bruch eingipsen bis zum chirurgischen Entfernen von Fremdkörpern alles können musste. Später zog er in das Haus Augsburger Straße 5.

Sein Nachfolger, Dr. Schubert, baute in der Nelkenstraße 1 ein Haus mit Praxis, die er bis nach dem letzten Krieg ausübte. Als Nachfolger ließ sich zunächst in einer Langschen Villa der ehemalige Stabsarzt Dr. Karl Sutter nieder, der dann in der Hermann-Lang-Straße baute und weiter gemeinsam mit seiner Frau bis 1982 praktizierte. Sein Nachfolger, Dr. Maximilian Stammel, baute in der Gartenstraße ein Haus mit Praxis und betreute sein Klientel bis zu seinem Tode im Jahre 2002. Daraufhin übernahm am 1.Oktober 2003 Dr. Paul Lesinski diese Praxis.

Praxiseröffnung Dr. Otto Wolf und Hedwig Wolf 1957 beim Bäcker Lang

Im Jahre 1957 ließ sich für ca. 2 Jahre ein zweiter Arzt, Dr. Otto Wolf im Anbau beim Bäcker Lang nieder, zog dann in die Hauptstraße 17. Dessen Praxis übernahm nach seinem Tode im Jahre 1979 Dr. Andreas Rohrer, der seine Praxisräume im ersten Stock der Apotheke einrichtete, die zum 1.1.2004 erweitert und gründlich renoviert wurden, wie bereits an anderer Stelle erwähnt.

Nach dem Kriege eröffnete Dr. Helmuth Wiesner im Jahre 1946 eine zahnärztliche Praxis vorerst in dem Haus Mühlfeldstraße2, bis er ebenfalls ein eigenes Haus in der Hermann-Lang-Straße 8 mit zwei Praxisräumen baute. Als er 1977 starb übernahm diese Praxis Dr. Reinhard Offinger, der seine Behandlungsräume in die Hauptstraße 6 verlegte.

Praxiseröffnung von Dr. Martin Kleint und Ehefrau Maria im Gasthof Adler 1957

 Im Jahre 1957 eröffnete ich eine tierärztliche Praxis zunächst im Gasthof „Adler“ bis ich nach mehreren Umzügen in der Edelweißstraße 1a sesshaft wurde. Meine Praxis übernahm offiziell 1990 mein Sohn Martin.

Auch auf landwirtschaftlichem Gebiete folgten im letzten halben Jahrhundert durchgreifende Neuerungen. Hunderte von Jahren hatte das Erbrecht die Grundstücke der Bauern verkleinert, in schmale Streifen zerschnitten oder in schwer zu bearbeitende spitzwinklige Felder geteilt. Diesem Missstand rückte man 1950/51 zu Leibe. Eine Flurbereinigung wurde durchgeführt und damit besonders eine vernünftige Wegeplanung geschaffen wie auch eine Zusammenlegung von Wiesen und Feldern. Dass diese vom Schreibtisch durchgeführte Maßnahme mit viel Kritik verbunden war, lässt sich denken; Misshelligkeiten und Ärger blieben anfangs bedrückend zurück. Als jedoch die Industrialisierung der Landwirtschaft in den 60er Jahren mit Macht begann und die großen Erntemaschinen, wie Mähdrescher oder Kartoffelvollerntemaschinen, auch für den Ettringer Landwirt finanziell erschwinglich wurden, zeigte sich plötzlich der Vorteil dieser klugen Entscheidung. Die Betriebe spezialisierten sich und 1960 standen bereits 2000 Kühe und Rinder in Ettringen. Die Molkerei verarbeitete damals bald 10000 bis 12000 Liter Milch am Tage, aus der sogenannter Chester hergestellt wurde, ein Vorprodukt des Schmelzkäses.

Gleichzeitig mit der Umstrukturierung der Landwirtschaft ging ein Sterben der Höfe einher. Hatte es zunächst kleinwellig begonnen, erreichte es nach 1990 seinen eigentlichen Höhepunkt. All die mannigfach kleinen Betriebe mit zwei bis zwölf Kühen gaben einer nach dem anderen den Betrieb auf. Existierten im Jahre 1957 in Ettringen noch 120 Milchlieferanten, so waren es im Jahre 2000 lediglich nur noch 27. Der langsame Strukturwandel auf dem speziellen Gebiet der Tierzucht wurde besonders daran deutlich, dass 1963 im Unterallgäu, dem viehreichsten Landkreis der Bundesrepublik, (deshalb hat man einen approbierten und promovierten Tierarzt zum Landrat gewählt), je Hof etwa 11 Kühe standen, heute sind es knapp 30. Seit 1963 ist die Anzahl der Rinderhalter um 57% geringer geworden, während die Zahl der Milchkühe um 8% gestiegen ist. Es war deshalb kein überraschendes Ereignis, dass die junge, nachfolgende Bauerngeneration einen Beruf erlernte und ergriff, der ihnen ein festes monatliches Einkommen bei Vollbeschäftigung versprach, der ihnen ein freies Wochenende gewährte und obendrein einen sechswöchigen Urlaub. Wo wurde so etwas Ideales in der Landwirtschaft geboten? Hier fielen die Preise für Getreide auf den Stand von 1935. Es sanken die Milchpreise jedes Jahr Pfennig um Pfennig, Cent um Cent, so dass ganz allmählich sich die Bauern genötigt sahen, ihre Existenz besser abzusichern. Das geschah durch Mehrerzeugung bei der Milch und Vergrößerung der Viehbestände. Hatte 1957 die Kuh im Schnitt nur ca. 15 Liter Milch pro Tag gegeben, so waren es im Jahr 2000 30 bis 40 Liter. Desgleichen sank die Anzahl der Beschäftigten in Stall und Feld rapide.

Am 26.4.1986 ereignete sich im fernen Tschernobyl in der Sowjetunion ein schwerwiegender Reaktorunfall, ein sogenannter SUPER-GAU, dessen entwichene Radioaktivität (radioaktives Jod 131) als eine äußerst gefährliche und gigantische Wolke in unser Gebiet zog und das Viehfutter auf den Weiden kontaminierte, mit dem einschneidenden Ergebnis, dass etliche Ettringer Bauern nach Messungen einer Strahlenschutzkommission keine Milch mehr liefern durften und das im besten Fütterungsmonat Mai. Die Käseproduktion wurde teilweise eingestellt und die angelieferte Milch zu Trockenmilch verarbeitet. Ebenso durfte das Gras von bestimmten, verseuchten Wiesen nicht mehr verfüttert werden.

Ein weiterer gravierender Einschnitt für die hiesige Landwirtschaft war die Erkrankung vereinzelter Rinder an einer bisher nicht bekannten und daher auch unerforschten Infektion, der BSE. Obwohl gottlob in Ettringen kein Erkrankungsfall bekannt wurde, demonstrierten die örtlichen Bauern mit Recht gegen Panik und Hysterie, die vor allem von den Medien verbreitet wurden. Sie wiesen auf die Tonnen von Futter hin, die auf ihren Höfen lagerten und die noch bis vor kurzem in Ordnung schienen, jetzt aber mit einem strengen Fütterungsverbot belegt seien, vom Fleischpreis ganz zu schweigen, der total abgestürzt sei.

Nicht nur in der Landwirtschaft trat bald nach dem Krieg im Arbeitsablauf eine tiefgreifende Veränderung ein, sie erfolgte ebenso in der Forstwirtschaft. Im Winter, wenn die Feldarbeit getan war, wurde traditionsgemäß Holz eingeschlagen. Mitte der sechziger Jahre eroberte die Motorsäge die Waldarbeit und späterhin machten die meiste Arbeit von einem Mann gesteuerte Maschinen. Früher wurde beim Fällen eines Baumes mit der Axt die Fällkerbe eingeschlagen, mit der grob scharfzackigen Zugsäge zu zweit der Baum abgesägt, mit dem Schäleisen die Rinde abgehobelt und mit der Axt die Zweige vom Stamm entastet.
Dazu gab es noch altüberbrachte Regeln, wie beispielsweise: „Wer sein Holz um Weihnachten fällt, dem ein Gebäude zehnfach hält“ oder „zwischen Weihnachten und Silvester geschlagenes Holz brennt schlecht und reißt nicht“, oder um die Brandgefahr bei Blitzschlag zu mindern wurde das kurz vor Jahresende geschlagene Holz für den Bau von Dachstühlen, hier besonders für Kirchtürme bevorzugt; denn es sollte den Blitz nicht anziehen.

Traktor und Seilzugwinde ersetzten den „Holzrücker“, der mit seinen Pferden die Stämme „strutzte“, also zum Weg schleifte, wo das Baumlager angelegt wurde. In Ettringen konnte jede Generation den Wald ernten, da die Papierfabrik das junge Holz als „Schleifholz“ gern abnahm.

Doch nun noch einmal zurück in die Jahre nach 1945. Das Wiedererwachen des Lebens nach dem letzten Kriege, die Lebensfreude darüber, noch einmal davongekommen zu sein, ließen Geselligkeit und ein intensives Vereinsleben aufkommen. Unbeschwerte Faschingsbälle, vom Faschingskomitee eingeleitet und schöne Festzeltwochen bescherten den Dorfbewohnern, welche am allgemeinen Wohlstand auch teilnahmen, Heiterkeit und Fröhlichkeit.

Festabend mit der Blaskapelle Ettringen / Eifel

Festabend mit der Blaskapelle Ettringen / Eifel

Ob die Rechbergschützen 1968 zu ihrem 100jährigen Bestehen ein Gauschützenfest ausrichteten oder ob der Turn- und Sportverein 2003 sein 90jähriges Bestehen feierte, 2003 der Liederkranz sein 75jähriges oder der Veteranenverein – entstanden nach dem Kriege von 1870 – eine Festwoche veranstaltete, 1990 die Trachtler ihr 65jähriges Jubiläum begingen, man im Jahr 1992 40 Jahre Ettringer Fasching beschwingt feierte, der seinen Höhepunkt in den Faschings-Nachtumzügen in den Jahren nach 2002 und 2003 mit bis zu 15 000 Zuschauern erreichte, oder im Jahre 1995 der SC Blau-Weiß sein 25jähriges Bestehen festlich veranstaltete, 2002 die Blaskapelle ihr 90jähriges; immer fanden sich die Ettringer und ihre Nachbarn zusammen zu fröhlichen, gemeinsamen Stunden. Großen Anteil am Gelingen dieser dörflichen Veranstaltungen hatte dabei die Blaskapelle bis in den 90er Jahren die Disco- und Popmusik in die alte Turnhalle einzogen mit den vielen kleinen Bands.

Der Ettringer Fasching hat eine lange Tradition, wie diese Aufnahme, etwa aus dem Jahre 1912, beweist. Eine illustre Faschingsgesellschaft traf sich vor der damals neu erbauten Bahnhofs-Restauration.

Der Ettringer Fasching hat eine lange Tradition, wie diese Aufnahme, etwa aus dem Jahre 1912, beweist. Eine illustre Faschingsgesellschaft traf sich vor der damals neu erbauten Bahnhofs-Restauration.

Gedenkstein zur Parnerschaftsgemeinde Ettringen/Eifel

Gedenkstein zur Parnerschaftsgemeinde Ettringen/Eifel

 Ein ganz besonderes Ereignis für unser Dorf war 1973 die Verbrüderung mit der gleichnamigen Gemeinde Ettringen in der Eifel. In einem kleinen Festakt unterzeichneten die beiden damaligen Bürgermeister Müller und Fehle am 16. Juni 1973 im Sitzungssaal des Gemeindeamtes feierlich die Partnerschaftsurkunde. Aller paar Jahre treffen sich seitdem Bürger aus beiden Gemeinden, die etwa gleich groß sind, in der Eifel oder an der Wertach zu fröhlicher Geselligkeit, einmal bei Wein, einmal bei Bier.

Gedenkstein zur Partnerschaft mit dem Flugabwehrraketengeschwader 22

Gedenkstein zur Partnerschaft mit dem Flugabwehrraketengeschwader 22

 

Es blieb nicht allein bei dieser Partnerschaft; denn der Ettringer Soldaten- und Veteranenverein nahm mit dem Flugabwehrraketengeschwader 22 Penzing Kontakt auf.Dieser führte im Dezember 1997 zu einer weiteren Patenschaft. Man beschloss dabei, dass die Ettringer Bürger am jährlichen Familientag des Verbandes teilnehmen und umgekehrt der Verband mit Abordnungen zu den Ettringer Festen und dem Volkstrauertag kommen sollen. Die beiden zur Erinnerung aufgestellten Steine links am Zaun vor dem Gemeindamt sind Zeugnisse dieser Partnerschaften.

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Partnerbesuch der Ettringer aus der Eifel 1973

Partnerbesuch der Ettringer aus der Eifel 1973

 Im Jahre 1973 erbaute der Tennisclub »Blau-Weiß« mit großer Eigeninitiative und unter der finanziellen Mithilfe der Gemeinde oberhalb der Wertachsiedlung herrliche Tennisplätze und ein schmuckes Vereinsheim, welches im Jahre 1977 bezogen wurde. Es liegt an der nördlichen Peripherie eines Sportzentrums, dass am 15.06.1980 feierlich eingeweiht wurde.

Tennisplätze und Vereinsheim SC Blau-Weiß

Tennisplätze und Vereinsheim SC Blau-Weiß

 

 

Sportanlage nordöstlich der Papierfabrik 1957

Sportanlage nordöstlich der Papierfabrik 1957

Viel älter natürlich ist die Fußballbegeisterung der Ettringer Jugend. Sie erwachte nach dem Krieg im Jahre 1947. Man traf sich zunächst in der Scheune der damaligen Rechbergschen Gutsverwaltung an der Ecke Hiltenfinger-, Gennacher Straße. Sie wird deshalb heute noch im Volksmund „die Fußballscheune“ genannt. Auf der angrenzenden Wiese wurden die ersten unbedarften Fußballspiele ausgetragen. 1952 legte man nordöstlich der Papierfabrik Lang eine schon ansehnliche Sportanlage an. Sie wurde seinerzeit im weiten Umkreis als ein wirkliches Schmuckstück bezeichnet. Gebaut wurde sie hauptsächlich mit einmaligem Engagement von der sportbegeisterten Dorfjugend in Eigenleistung. 

Jedoch im Jahr 1975 beanspruchte die Firma Lang wegen der Erweiterung ihrer Produktionsanlagen dieses Gelände. Sie kaufte dafür ein neues Areal im Stöcklegebiet. Und wieder entstand unter dem uneigennützigen Einsatz vieler begeisterter Mitglieder, der finanziellen Unterstützung der Ettringer Gemeinde und Geschäftswelt sowie anderer spendabler Gönner ein neuer herrlich gelegener Sportpark. Den monetären Hauptbetrag allerdings erhielt der TSV von der Papierfabrik als Ersatz für den von ihr erworbenen alten Sportplatz. Gleich Anfang 1976 hatte man mutig mit den umfangreichen Erdarbeiten für das großzügig angelegteSportparkgelände begonnen. Die Einweihung erfolgte im Rahmen einer gut besuchten Festwoche mit dem üblichen Festzeltbetrieb vom 13. bis 22. Juni 1980. 

Im Im Sportpark konnte sich auch der sehr aktive Trachtenverein ansiedeln, der bereits im Sommer 1976 Richtfest für sein kleines und gemütliches Heim hielt. Im Sommer 1978 feierten nach alter Tradition „D’Wertachtaler“ wieder ihr erstes Waldfest, wie früher „im Stöckle“ mit der Ettringer Blasmusik zusammen und weihten gleichzeitig das Vereinsheim bei herrlichstem Wetter ein.

Sportpark 1977

Wertachstadion mit Vereinsheim 2003

Wertachstadion mit Vereinsheim 2003

 

 

 

 

 

 

 

Anders war es bei der Einweihung des großen, neuen, überdachten Tanzbodens neben dem Vereinsheim, anlässlich ihres 80-jährigen Bestehens; denn das erfolgte an einem ungewöhnlich nasskalten Augusttag im Jahre 2005. Aber meist war es eben so, dass bei der Ankündigung des Waldfestes der Trachtler schlechtes Wetter einsetzte, zumindest am Festsonntag nachmittags ein regenschweres Gewitter die Besucher im Nu verscheuchte. Wie oft hieß es, wenn die Bauern sich dringend Regen wünschten: „Ach, da müssen nur die Trachtler mal ihr Waldfest feiern, dann wird’s schon regnen!“

Beim Trachtenaufmarsch 1930 in Rosenheim

Beim Trachtenaufmarsch 1930 in Rosenheim

 

 

Höhepunkt beim Gaufest 1933 in Ettringen war der Festzug durch die Wertachgemeinde

Höhepunkt beim Gaufest 1933 in Ettringen war der Festzug durch die Wertachgemeinde

 Auch der im Jahre 1969 gegründete Fischereiverein kultiviert die Umgebung des Weihers im Stöckle, während im Dorfe der Obst- und Gartenbauverein sich um ein schöneres Ortsbild mit viel Blumenschmuck bemüht. Nicht vergessen sei der Verein der Wanderfreunde, der jedes Jahr einen internationalen Volkslauf veranstaltet und das herrliche Waldgebiet im Westen Ettringens für den Waldfreund und Wanderer erschließt.

Das Jahr 1972 schuf im Zeitalter der Reformen neue kommunale Probleme: die Kreis- und Gemeindereform. Die Zentralisierung bis ins Detail und die damit versprochene Vereinfachung der Verwaltung für den Bürger auf vielen Gebieten schwappte als verlockende Schaumkrone der Wohlstandswelle auch über unser Dorf hinweg.

Der Landkreis Mindelheim verband sich mit dem Landkreis Memmingen – mit Ausnahme der Stadt Memmingen – zum neuen Landkreis Unterallgäu. Nach vielen Besprechungen, Eingaben und hartnäckigen Vorstößen bei der Regierung gelang es Ettringen, seine Selbständigkeit zu erhalten, obwohl zunächst geplant war, Ettringen zur Verwaltungsgemeinschaft Türkheim einzugliedern, Siebnach nach Markt Wald und Traunried in den Landkreis Augsburg. Jetzt kämpfte Ettringen um seinen kommunalen Erhalt, indem es mit Gennach, Siebnach und Traunried Gespräche aufnahm, wobei allerdings Gennach abwinkte. Schließlich beschlossen am 22. Dezember 1975 die Gemeinden Traunried, Siebnach und Ettringen, sich am 1. Mai 1978 zu dem neuen Gebilde einer Einheitsgemeinde zusammenzufügen. Jedoch, noch gab es Hindernisse, indem man diesen Vorschlag billigte, aber Aletshofen und die Grundstücke von Höfen und Forsthofen, die nördlich der Durchgangsstraße von Hiltenfingen nach Mittelneufnach lagen dem Landkreis Augsburg eingliedern wollte. Gott sei Dank konnten durch persönliche Gespräche mit dem damaligen bayerischen Innenminister Merk und der Regierung von Schwaben dieser horrende planerische Unfug verhindert werden. 1977 entwarf man die Eingemeindungsverträge mit Siebnach und Traunried und am 30.3.1978 traf bei der Gemeinde die Anordnung der Regierung von Schwaben über die Eingliederung der beiden nördlichen Gemeinden ein, womit am 1. Mai 1978 die Gebietsreform in Kraft trat und Ettringen den Status einer Einheitsgemeinde einnahm.

Zwei Gedenksteine, die vom Steinmetz Schröder aus Türkheim gestiftet wurden, erinnern an das 25-jährige Bestehen der Einheitsgemeinde, Sie wurden im September 2003 feierlich eingeweiht. Ein Stein steht in Siebnach vor dem Vereinsheim „Kreuz“, der andere in Traunried vor dem Schützenheim, der ehemaligen Molkerei.

Ein weiteres allgemeines kommunales Problem der Gegenwart tauchte in der Abfallbeseitigung auf. Sie erfolgte bisher in den aufgelassenen Kiesgruben unterhalb des Betonwerks Mayer, im Dornengehau und am alten Postweg. Am 1. Juni 1977 wurde die Müllabfuhr durch den Landkreis eingeführt und die eigenen Mülldeponien geschlossen und rekultiviert.

So schließt sich in gewissem Sinne ein Ring. Vor 1000 Jahren sorgte sich der Mensch um Erwerb von Kleidung, Nahrung und Schutz vor den Unbilden der Natur. Heute muss er Sorge tragen für die Beseitigung unmoderner Kleidung, überschüssiger Nahrungsmittel und deren aufwendige Verpackung sowie für die Ablagerung von Bauschutt alter und zerfallener Häuser. Aus dem Alten wird Neues. Aus den Wiesen und Weiden rings um das Dorf wachsen neue Eigenheime, blüht neues Leben.

Im Jahr 1983 kaufte die Gemeinde von der Gutsverwaltung Ost-Ettringen ein östlich der Wertach gelegenes 9,1 Hektar großes Areal, in dem 80 neue Bauplätze geplant wurden. Im darauf folgenden Jahr wurde das Baugebiet Ost II erschlossen und schon im August dieses Jahres wuchsen die ersten mit Ziegeln gemauerten Rohbauten empor. Der Quadratmeterpreis betrug 42 DM für Grund und Boden. Hinzu kamen allerdings noch Vorleistungen für die Erschließung. 2,8 Mio. DM steckte Ettringen in den Bau von Zufahrtsstraßen, Kanal und Trinkwassernetz. 

Ostsiedlung II 2003

Ostsiedlung II 2003

Gleichzeitig wurden alle Bauplätze an ein Kabel-Verteilersystem, damals noch der Bundespost, angeschlossen, die 1987 in der Hochstraße einen massiven Antennenmast für das Kabelfernsehen aufstellte.

 Wie schon erwähnt wies die Gemeinde im April 1986 ein neues Gewerbe- und Mischgebiet nördlich der Tussenhauser Straße am Ortsrand aus, dass den Namen „Markstettenfeld West“ trägt.

Weitere neue Baugebiete wurden 1994 erschlossen, und zwar 16 Stück im Gebiet des „Südlichen Krautgartens“ und 10 im Gebiet „Hinterm Dorf“. Dabei wurde ein alter Flurname verwendet, der den Bereich westlich der Siebnacher Straße am Ortsausgang bezeichnet.

Hier eröffnete in der Siebnacher Straße 33 ein Geschäft für Solar- und Energietechnik. Ihm gegenüber entstand ein Aussiedlerhof von dem Besitzer des Grundstücks im Zentrum der Ortschaft, an dem jetzt der Einkaufsmarkt steht.

Alt und Neu gaben sich immer schon in Ettringen die Hand. Ist dafür nicht gerade hier in der Siebnacher Straße dieses Nebeneinander von modernster Technik und fest verwurzelter, traditioneller Landwirtschaft, der Ettringen historisch seine Entstehung verdankt der allerbeste Beweis?
Eines aber blieb Wunsch des Menschen über all die wechselhaften Jahrhunderte hinweg, der Wunsch, glücklich zu sein. Möge er uns allen, jedem auf seine Art und Weise, in Erfüllung gehen.

Luftaufnahme von 2001

Luftaufnahme von 2001

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