Pestjahre, Dreißigjähriger Krieg

Wurde Ettringen im Jahre 1622 verkauft, so ist es nicht allein diese Begebenheit, die uns besonders beachtlich erscheint. Viel bemerkenswerter sind die ersten handschriftlichen Aufzeichnungen über Geburt, Eheschließung und Tod von einem Pfarrer Michael Leichnamschneider, Magister der Künste und der Philosophie, die er in einem Matrikelbuch von Ettringen hinterlassen hat. Er hat das erste Kirchenbuch mit allen freudigen und traurigen Ereignissen angelegt. Seine Nachfolger haben weitere Bände bis zum heutigen Tage gefüllt. Die ältesten Registerbücher waren lange Zeit verschollen und galten als verbrannt. Gott sei Dank, so kann man wirklich sagen, fanden sie sich wieder beim Umzug in das neue Pfarrhaus.

So lange gab es Aufzeichnungen über die familiären und personellen Veränderungen nicht. Die Kirchenbücher wurden als Geburts- , Trauungs- und Totenbücher erst nach dem Tridentinischen Konzil im Jahre 1563 eingeführt, als die Gültigkeit einer Ehe von der Konsenserklärung (Zustimmung) der Brautleute unter Zeugen vor einem Pfarrer abhängig wurde. Vorher war jede Ehe gültig, ohne eine kirchliche Weihe des Ehebündnisses und ein Standesamt gab es zu jener Zeit natürlich auch nicht.

Erste Seite des Sterberegisters

Erste Seite des Sterberegisters

Doch zurück in das Jahr 1622. Sicherlich hat Pfarrer Leichnamschneider in diesem Jahre die hiesige Pfarrstelle angetreten und der Schrift nach bis zum Jahre 1634, also in einer der schwersten Zeiten unserer Heimat, innegehabt. Leider erfahren wir nicht, wo er seine letzte Ruhe gefunden hat, denn seine Beerdigung ist nicht im Buche verzeichnet.

Wenn man heute dieses dicke, in Leder gebundene Buch durchblättert und auf den schwarzen Schriftzeichen den Löschsand für die Tinte fühlt und die fast kargen lateinischen Eintragungen liest, die in den schrecklichen Jahren der Pest und in den bedrückenden Jahren schwedischer Besatzungen von dem Pfarrherrn vorgenommen worden sind, dann spürt man, welchen unerschütterlichen christlichen Glauben der fromme Schreiber gehabt haben muss.

Bereits 1624 musste er von seinem Vater Martin Leichnamschneider Abschied nehmen und ihn hier beerdigen. Er stammte aus Mindelheim, seine beiden Brüder Urban und Laurentius werden auch erwähnt.

Wir lesen, dass in den Jahren 1622/1626 in Ettringen 106 Beerdigungen stattfanden, wovon 26, also 25 Prozent, Kinder waren. Getauft wurden in den genannten Jahren 134 und 32 Trauungen sind verzeichnet. Ab Juni 1627 sind vermehrt Beerdigungen notiert bis etwa Januar 1629. Allein im Jahre 1628 gab es in unserem Dorfe 171 Todesfälle (jetzt erfolgen im Durchschnitt 25 Bestattungen, bei einer Einwohnerzahl von etwa 3000).

Man kann fragen warum und wozu all diese Zahlen? Zum einen kann man sich leicht ausrechnen, dass Ettringen in jenen Jahren bereits ein größeres Dorf war, zum anderen gibt uns die Anzahl der Beerdigungen an, in welchem ungeheuren Ausmaße die Pest in die Häuser eindrang. Interessant ist deshalb der Vermerk unter dem 6. November 1626, an dem ein gewisser Georg Schuster, aus Milhausen in Württemberg von der Pest vertrieben, hier beerdigt wurde. War er es, der die tödliche Epidemie in unsere Heimat gebracht hatte? Die Taufen beliefen sich in diesen schicksalsschweren Jahren auf 74 Kinder. Im Jahre 1627 erfolgten nur noch 5 Trauungen, dagegen lesen wir im Jahre 1629, nach Verlöschen der Pest, von 18 Eheschließungen.

Kirchenbücher von 1628

Kirchenbücher von 1628

Natürlich war es nicht das erste Mal, dass die vernichtende Seuche unser Land heimsuchte. Immer wieder war sie lautlos durch die Türen und Fenster schwarz vermummt eingedrungen. Bereits um 1348 soll ein Drittel der Bevölkerung von ihr dahingerafft worden sein.

Der Schwarze Tod, wie er auch genannt wurde, war eine stark ansteckende Erkrankung, die als Symptom die Lymphdrüsen bis zur Größe einer Faust anschwellen ließen. Auf der Haut bildeten sich dunkelblaue, fast schwarze Flecke. Die aufbrechenden Drüsenabszesse sonderten hoch infektiösen Eiter ab, daher der Name »der Schwarze Tod«. Wenn wir heute vom »schwarzen Mann« oder vom »Schwarzen Peter« sprechen, so sind diese Wörter Andenken an jene Zeit. Die leichtere Form war die Lungenpest, die sich nur auf das Organ Lunge konzentrierte. Bei dieser Art der Krankheit bestanden immerhin Überlebenschancen. Wir können uns in der Gegenwart nur schwer vorstellen, wie die Menschen in ihrer blinden Unwissenheit sich bei der raschen Ansteckungsgefahr vor der Erkrankung geschützt haben. Im Kirchenbuch lesen wir nach, dass innerhalb weniger Tage ganze Familien gestorben sind. Kein Wort des verzweifelten Aufbäumens, kein Wort der Resignation finden wir geschrieben. Säuberlich hat der Pfarrer Namen unter Namen gesetzt, und die vielen, die er an einem Tage beerdigt hat, hat er mit einer Klammer verbunden. Wir können nur ahnen, wie die entstellten Leichen dieTussenhauser Straße auf einem alten Bauernkarren hinausgefahren worden sind, wo bereits der Totengräber ein großes Loch geschaufelt hatte und der Pfarrer vermummt ein kurzes Gebet gesprochen haben mag. Die Flurbereinigung hat den damaligen Pestfriedhof eingeebnet. Er lag links an der Tussenhauser Straße südlich von Henkels Stadel. Erschütternd ist der Fatalismus, mit dem man den Schwarzen Tod auf sich genommen und darüber klaglos und fast pedantisch Buch geführt hat. In nur drei Jahren waren 264 Ettringer gestorben, das wird wohl die Hälfte der gesamten Dorfbevölkerung gewesen sein. Das Wort »Dein Wille geschehe!« scheint unsichtbar über dieser Registratur des Todes zu stehen. Obwohl der Seelsorger der Ansteckung sehr ausgesetzt war, muss er gesund den schlimmen Seuchenzug überlebt haben.

Jetzt treten auch aus der dunklen Vergangenheit eine Menge Ettringer hervor mit Namen und Beruf. Wir hören von einem Caspar Kindler, der Müller war, von einem Bader Sebastian Knoll, einem Söldner Martin Miller und unter dem Jahre 1630 von einem Schuster Johannes Lang. Weiter lesen wir vom Jäger Michael Wagner, von der Frau eines Töpfers, einer Anna Millerin, von einem Händler Johannes Kindler, von einem Fischer Adam Seriborig und dem Gastwirt Johann Konle.

Der erwähnte Johannes Lang erhielt von Maximilian I. drei Tagwerk Wiesen als Lehen, »die gegen Aufgang (Osten) an Hans Eberhart, gegen Mittag (Süden) an Veit Fischer, gegen Abend (Westen) an Thomas Schnatterer und gegen Mitternacht (Norden) an die Herrschaft stoßen« (hier handelt es sich augenscheinlich um die »Lang Wiesen« südlich des Felderhofes).

Im Pestjahre 1628 wurde Graf Johann von Hohenzollern Sigmaringen, der Oheim und des Heiligen Römischen Reiches Erbkämmerer, von Kurfürst Maximilian von Bayern mit der ganzen Grafschaft Schwabegg belehnt. Sechs Jahre nur waren die Gebrüder de Füllen Besitzer der Herrschaft gewesen. 1666 kaufte Herzog Maximilian Philipp, Bruder des regierenden Kurfürsten Ferdinand Maria, das Lehen vom Grafen Meinrad von Hohenzollern und Sigmaringen zurück. Damit wurde er alleiniger Herr und hatte seinen Herrschaftssitz in Türkheim. Als man das Jahr1687 schrieb bezog der Herzog seine Residenz zu Türkheim, nachdem er das Schloss von 1682/86 aufs Beste hatte herrichten lassen. Er war mit der edlen Gattin Mauritia Febronia aus dem Hause des Herzogs von Bouillon verheiratet. Sie war die Erbauerin des Kapuzinerklosters, welches 1973 seine Pforte schloss. Als Wohltäterin stiftete sie auch ein Armen Spital.

Am 7. Oktober 1700 wurde das Dorf Türkheim zum Marktflecken erhoben. Fünf Jahre später starb Maximilian Philipp, und ein weiteres Jahr später folgte ihm seine Gattin nach.

Doch zurück wieder in die finsteren Jahre um 1630. Am 23. Mai 1618 hatten evangelische Edelleute auf dem Hradschin in Prag zwei kaiserliche Statthalter aus dem Fenster in den Schlossgraben geworfen. Dieser gewalttätige Vorgang stellte den Beginn eines unseligen Krieges dar, der 30 Jahre die einzelnen Länder in Deutschland heimsuchen sollte. In der nun folgenden Zeit wurde unser Vaterland entsetzlich verwüstet. Es wurde zum allgemeinen Tummelplatz fremder Söldnerheere, verwegener Hasardeure, und vor allem heimatlosen räuberischen und erpresserischen Gesindels. Der unberechenbare Kriegsstrudel brachte den abscheulichsten Bodensatz der Menschheit an die Oberfläche und spülte ihn in die entlegensten Winkel Deutschlands.

Kaum war die Pestilenz verloschen, als 1632 die Schweden im Verlaufe des Krieges in unsere Gegend kamen. Am 16. April des gleichen Jahres nahm Memmingen freiwillig eine schwedische Besatzung auf. Bereits einen Monat später wurde das Mindelheimer Herrschaftsgebiet in sogenannten schwedischen Schutz genommen. Der Schwedenkönig Gustav Adolph war bei Rain über den Lech gekommen, nachdem er den kaiserlichen Feldmarschall Tilly geschlagen hatte, der wenig später seinen schweren Verletzungen erlag. Die Schweden besetzten am 20. April 1632 Augsburg. Am 3. Juni zog Gustav Adolph mit seinem plündernden Heer weiter nach Mindelheim. Es ist stark anzunehmen, dass er an diesem Tage durch Ettringen geritten ist. Diese Annahme wird durch eine bemerkenswerte Eintragung im Kirchenbuch erhärtet, die besagt, dass am gleichen Tage eine Anna Blätz in unserem Dorfe von schwedischen Soldaten getötet worden ist. Wenige Tage später erlag ein Johannes Lang wahrscheinlich der erwähnte Schuster seinen von den Schweden erlittenen Verwundungen. Ebenso wurde im Walde bei Berg der Unterpräfekt von Mindelheim, Michael Schmid, in jenen Tagen von den schwedischen Söldnern erschlagen und hier beerdigt. Der Schwedenkönig hatte danach nur noch fünf Monate zu leben. Er fiel in der Schlacht bei Lützen am 16. November 1632.

Mit den fremden Heeren schlich sich eine neue Seuche ein, die Dysenteria, wie sich Pfarrer Leichnamschneider ausdrückte. Heute wissen wir, dass es sich um die Cholera oder den Typhus gehandelt hat. Man darf annehmen, dass das Grundwasser für die wenigen Brunnen in den Dörfern durch das Vergraben von Menschen- und Tierleichen verseucht wurde und somit zu einer großen Ansteckungsgefahr geworden war. Natürlich darf man dabei nicht außer Acht lassen, dass viel vagabundierendes Volk auf den Wegen war, die von Ort zu Ort die Krankheit ungewollt verschleppten.

Da jedes Heer sich auf seinen Kriegszügen selbst verpflegen musste, plünderten die Soldaten die Häuser, schlachteten Schweine und Kühe und erpressten unter Todesandrohung den letzten zurückgelegten Silberling von den Bewohnern. Das Kriegshandwerk war unbeschreiblich rau und brutal und der Tod des einzelnen eine nebensächliche Bagatelle, kaum erwähnenswert. Alkohol ertränkte die Angst vor dem eigenen Tode auf der einen Seite und förderte auf der anderen Mut und Grausamkeit gleichermaßen. Das träge durchs Land ziehende Heer hinterließ verbrannte Häuser und leere Vorratskammern. Die Menschen mussten unreife Früchte ernten, um satt zu werden. Selbst Kannibalismus soll vereinzelt vorgekommen sein.

In den Jahren 1632/34 machten abwechselnd die Schweden und die Kroaten unsere Gegend unsicher. Vom Sommer 1634 bis zum Frühjahr 1636 hatten die Schweden in Bobingen ihr Hauptquartier bezogen, von dem aus sie die Dörfer bis in unseren Bezirk plünderten und brandschatzten. So starb 1633 die Tochter des Müllers, Barbara Knoll, an den Folgen einer schwedischen Verletzung, ebenfalls der Bauernwirt Martin Kindler und andere mehr. Und wenn wir unter der Jahreszahl 1634 lesen, ein August Fendt sei unglücklich und arm gestorben, übrigens das einzige Mal, dass der Pfarrer diese Worte gebraucht hat so müssen wir heute annehmen, dass wahrscheinlich der Mann zu Tode gequält worden ist, nachdem man ihm sein Haus und seine Habe gänzlich genommen hatte.

Kirchenbücher von 1628

Kirchenbücher von 1628

Wer kennt nicht die düsteren Gräuelgeschichten der grausamen Soldateska aus dem Dreißigjährigen Kriege? Wir können nur in Gedanken nachvollziehen, was sich damals in Ettringen ereignet hat. Wenige Worte sind es, wenn wir sagen: 1634 gab es 130 Tote in unserem kleinen Heimatdorfe; es sind 130 Schicksale gewesen. Der Vater, die Mutter, die Kinder, sie starben nicht, nein, sie gingen ganz erbärmlich zugrunde durch die wieder aufflackernde Pest, durch die Ruhr, durch die zynische Grausamkeit entmenschlichter Soldaten. Ich glaube, dass Ettringen vor Kummer stumm war, denn das Dorf muss ein düsterer Friedhof gewesen sein, über dem die Rauchschwaden der niedergebrannten Häuser hingen.

Einen authentischen Bericht über die Zustände jener Zeit können wir bei dem Chronisten Pater Kornmann aus Ursberg lesen, der unter anderem folgendes schreibt:

„Im Gotteshaus verübten die Schweden satanischen Frevel. Kirche, Bibliothek und alle Klostergebäude wurden ein Raub der Flammen, sämtliches Vieh wurde weggetrieben, die Ökonomiegebäude blieben stehen. Die Wölfe kamen aus den Wäldern bis in die Ortschaften.« Weiter berichtet er: „In Immelstetten hat eine Frau in wahnsinnigem Hunger nach und nach ihre sechs Kinder umgebracht und aufgegessen, in Edelried hat ein Weib ihren verhungerten Mann gegessen. In Eppishausen wurde 1633 der Bauer Michael Wolf von den Schweden erschlagen und das ganze Dorf mit Pfarrhof angezündet.« Und vom Kriegsende schreibt er: »Der verwegenste Räuber fand nit ein Stück Brot mehr.« Wiedemann aus Kirchheim schreibt: »Das Leder von den Kutschen wurde gesotten und gegessen, der Schindanger nach Knochen durchsucht, die zerklopft und zermahlen zu Mehl, das mit Baumrindenmehl und Heublumen vermischt zum Brotbacken verwendet wurde. Um von den Leuten die Verstecke von Geld und Lebensmitteln zu erfahren die es längst nicht mehr gab , schnitt man ihnen Nase und Ohren ab, schlug ihnen Nägel in den Leib, schnitt ihnen Riemen aus den Rücken oder gab ihnen den gefürchteten Schwedentrunk. Man warf sie zu Boden, goss ihnen Mistjauche ein und trampelte ihnen auf dem Bauche herum. Frauen und Mädchen wurden zu Haufen zusammengetrieben wie Schafe und öffentlich missbraucht. Zu Dutzenden wurden diese irrsinnig der vielen Schändungen wegen, die sie über sich ergehen lassen mussten. Unzählige Male kam es vor, dass der Mann seine Frau, die auf Ehre hielt, bat, sie möge sich doch gefügig zeigen, weil sonst der ganzen Familie Mord drohte.

Statt nützlicher Haustiere sah man allenthalben Bären, Wölfe, Luchse und sonstiges Raubzeug massenhaft umherstreifen, weil es sich unheimlich vermehrte. Hagelschlag, Mäusefraß, auch das böse (entwertete) Geld brachten zu Anfang des 17. Jahrhunderts Not und Teuerung. 1626 wurde alles noch teurer, den Heuet verregnete es, die Früchte legten sich des schlechten Wetters wegen und wuchsen aus. Auch war im Juli die Pest ausgebrochen. Die Leute nährten sich von Gras, Lattich, Disteln und waren so gegen diesen neuen Feind wehrlos.« Soweit die drastischen Schilderungen der Chronisten.

Das Dorf Ettringen wird im Jahre 1626 etwa 700 Einwohner gezählt haben. Davon starben bis 1635 590 Menschen, im selben Zeitraum wurden 187 Kinder geboren, somit gingen ungefähr 300 Einwohner aus dem barbarischen Inferno hervor.

Wir kennen leider das Ende des Seelsorgers, der während dieser schlimmen Zeit hier seine Messe gelesen hat, nicht. Vielleicht hat ihn eine Krankheit hinweggerafft oder hat ihn ein Soldat erschlagen, wir wissen es nicht. Seine Schriftzüge erscheinen zum letzten Male im August 1634. Somit war er fast genau 12 Jahre Pfarrer in Ettringen. Eine neue Schrift fährt bis März 1635 fort, um dann schon wieder zu verlöschen. Es erfolgen bis zum September 1638 also dreieinhalb Jahre lang – keine weiteren Eintragungen mehr. Die Ettringer Pfarrei war verwaist. Georgius Siesmair versah für drei Jahre das Kirchspiel Ettringen weiter, und 1641 übernahm Michael Bertele die Pfarrei bis 1655. Er war ebenfalls Magister, wie sein Vorgänger Michael Leichnamschneider.

Pfarrer Michael Bertele war es, der hier am 11. Juni 1644 die Maria Anna Thurnhuber und am 2. August 1645 die Maria Joanna Thurnhuber, Töchter des Vogts von Schwabegg, taufte. Die Taufpaten waren Joan Caspar, Bezirkspräfekt in Bobingen (Quästor und Consilarius) und seine Frau Anna Scheiterberger aus Erlangen, wie auch ein Wolfgang Christoph von Hohenberg. Erst 1651 wurde dem Edlen von Schwabegg ein Sohn geboren, er hieß Franziscus Fridericus Thurnhuber. Sein Vater wurde am 19. August 1674 hier beerdigt, seine Mutter Maria Magdalena war bereits am 13. November 1654 in Ettringen bestattet worden.

Im alten Kirchenbuch von Ettringen werden 1639 ein Marius Wagner als Cantor, wahrscheinlich der erste namentlich bekannte Lehrer in unserem Dorfe, ein Joannes Konle als Gastwirt und ein Sebastian Knoll als Kirchenvorstand erwähnt. Sie hatten anscheinend gesund das unselige Jahr 1634 überlebt, in dem im Februar die Schweden wieder unsere Gegend verwüsteten. Getreide und Vieh waren von den Kriegsleuten verzehrt worden, selbst Hunde, Katzen und Mäuse sollen vor Hunger gegessen worden sein. General Altringer soll geäußert haben, dass „eine Kuh, die man nach diesem Kriege noch in Bayern findet, in Silber gefasst werden solle“. Überdies herrschte ein strenger und langer Winter vom November 1634 bis zum März 1635, in dem man teils der Kälte wegen, teils aus Angst vor Ansteckungen, die Toten nicht begrub. Im Herbst 1635 kamen die Franzosen ins Land, die noch ärger hausten als die Schweden, und schließlich holten ein Jahr darauf die kaiserlichen Truppen das Letzte aus unserer ausgelaugten Heimat. Ettringen hatte keinen Pfarrer mehr, wahrscheinlich hatten die Dorfbewohner zeitweilig fluchtartig die Ortschaft verlassen und sich in die Wertachauen zurückgezogen, wo sie sich im dichten Unterholz zwischen den verzweigten Altwasserarmen des Flusses leicht verstecken konnten. Die Jahre 1638 bis 1646 brachten unserer Gegend Frieden und endlich eine kleine Atempause. Sie wurde allerdings jäh unterbrochen, als der stolze, grausame und unbeliebte Wrangel Schweden und Franzosen nach Bayern führte. Am 13. Oktober 1646 hoben sie die Belagerung Augsburgs auf und zogen sengend und plündernd über Schwabmünchen, Ettringen, Mindelheim zum Bodensee.

Kurfürst Maximilian von Bayern hatte leider die Lage falsch eingeschätzt. Er hatte nach den so ersehnten Jahren der Ruhe und Erholung einen Bauernaufstand in seinem Lande befürchtet und deshalb seinen Untertanen die Waffen verweigert. Überdies meinte er, er könne die Eindringlinge aushungern, und ließ deshalb Mühlen und Lagerhäuser zerstören. So brachte er aus einer gänzlich falsch eingeschätzten Situation heraus seinem eigenen Volke eine furchtbare Hungersnot.

Melander, der kaiserliche Feldmarschall, wurde bei Zusmarshausen am 16. Mai 1648 zur Schlacht gestellt. Der italienische General Montecuculi verteidigte die Nachhut und setzte sich in Richtung Landsberg ab. Melander, der ihm zu Hilfe eilte, wurde tödlich verwundet. Nun überrannten die Generale Turenne und Wrangel mit dem schwedisch – französischen Heer Bayern und rächten sich furchtbar an einer wankelmütigen Politik Kurfürst Maximilians von Bayern.

Welches Schicksal Ettringen erlitten hat, erfahren wir von dem damaligen Pfarrherren durch seine Aufzeichnungen im Matrikelbuch, die bar jeglicher Gefühle sind. Er bittet um ein Gedenken für die Kinder und einen Greis, die während des französischen Krieges umgekommen sind. Unter dem 9. Dezember 1646 lesen wir von der Beerdigung eines Greises und 22 Kindern. Wahrscheinlich haben die Einwohner das Dorf eiligst verlassen müssen, zurück blieben die kleinen Kinder unter dem Schutze eines vielleicht kranken Greises. Das Leben im Freien hätten die Kleinen und der Alte sicherlich im beginnenden Winter nicht überstanden. Aus diesem Grunde ließen sie die Gruppe zurück, in der Hoffnung, dass die Soldaten Mitleid haben würden. Sie fanden jedoch das Dorf leer, die Vorräte und das Vieh waren weggeschafft, nur der Alte mit den Kindern bat um Gnade, den Aufenthaltsort der Geflohenen verschweigend. Da wird sich der Zorn über den armen Greis entladen haben. Grausam wird man ihn verhört und schließlich getötet haben mit all den weinenden und verängstigten Kindern. Dies muss die finsterste Stunde, das dunkelste Tal gewesen sein, durch das unser Heimatdorf gegangen ist. Wahrscheinlich hat man die Häuser angezündet. In den Wertachauen werden die Einwohner den Rauch gerochen und dem Feuer ohnmächtig zugesehen haben, wo der lange kalte Winter direkt vor der Türe stand.

Im Sterberegister finden wir eingetragen unter dem Jahre 1646 außerdem noch 33 Beerdigungen, davon 29 Kinder, wovon in mehreren Familien drei Kinder verstorben sein müssen, sicherlich verhungert. Das aufkeimende Leben nach den schrecklichen Jahren von 1635/36 wurde hier abermals in seinem schüchternen Keim zerstört.

Vom Nachbarort Türkheim erfahren wir, dass der Zehent nicht geliefert werden konnte, da er auf dem Felde verdorben oder die bereits geerntete Frucht, im Zehentstadel ausgedroschen, verderbt und zugrunde gerichtet worden war.

Heben wir den Blick auf über die Heimat und über die Landesgrenzen, dann erfahren wir ein eigenartiges Paradoxon. In Amsterdam malte zur gleichen Zeit Rembrandt Bilder, die uns heute noch wie eine göttliche Offenbarung anmuten. Auf der einen Seite Bilder des Friedens mit tiefem christlichem Sinngehalt, wie die »Anbetung der Hirten«, im Jahre 1646 entstanden, auf der anderen Seite eine Welt voll grenzenloser Grausamkeit in einem erbarmungslosen Kriege.

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