Der „Landsitz“ Kirch-Siebnach

DER LANDSITZ

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Naturkundeunterricht

Naturkundeunterricht

Der Schulgarten

Der Schulgarten

„Da war`s halt am schönsten“, schwärmen Schüler älterer Jahrgänge von ihrer Schulzeit in Kirch-Siebnach.
Aber auch den Lehrern erging es nicht viel anders und mancher, der keine Chance bekam, auch einmal für ein Jahr dort zu unterrichten, beneidete die Kolleginnen und Kollegen, die jahrelang dort hinausfuhren, als ob dort das Landhaus der Verbandsschule Ettringen wäre und so ein Erholungsjahr doch jedem einmal zustünde. Aber dort waren nun einmal nur Grundschulklassen ausgelagert.
Ich selbst durfte das letzte Schuljahr in der Geschichte der „Verbandsschule Kirch-Siebnach“ dort unterrichten. (Sie war ihrer Zeit voraus, denn die Gemeinden Siebnach, Höfen, Traunried hatten diese Schule gemeinsam gebaut, als es den Begriff „Verbandsschule“ noch gar nicht gab).
Sie repräsentiert all das, was man unter Schulidylle verstehen kann. Ihre wünderschöne Lage am Waldrand über dem Wertachtal neben der schönen Pfarrkirche, umgeben von zwei Bauernhöfen, von denen die Pension „Vroni“ für den Lehrer nicht unwichtig war, der uralte Nußbaum vor dem angrenzenden Friedhof, die zwei Linden am Eingang, der Spalierbaum, der Weinstock am Lehrerhaus, fehlte nur noch der Springbrunnen und die eichendorffsche Idylle wäre vollständig gewesen.

Schule und Lehrerhaus

Schule und Lehrerhaus

Im Klassenzimmer

Schulaufgabe

Im Haus selbst herrschte ohne ständiges Ermahnen und Gezischel eine ganz natürliche, selbstverständliche Ruhe, die das Lehren und Lernen erleichterte. Es waren nur zwei Klassen, es gab keine Stundenwechsel, keine Schulglocke, wir orientierten uns einfach an der Kirchenuhr. Viel Zeit wurde dadurch gewonnen, die dann durch eine verlängerte Pause wieder ausgeglichen werden mußte, denn sonst hätten die Schüler der Außenstelle gegenüber denen in Ettringen einen deutlichen Lernvorsprung erzielt. Das Prinzip „Chancengleichheit“ durfte jedoch auf gar keinen Fall verletzt werden.

In dieser Umgebung war die Pause weit vielfältiger zu gestalten als im Pausenhof einer großen Schule. Ballspiele im Obstgarten, Turnübungen am Augsburger Stegel, Versteckspiele um das alte Lehrerhaus ließen auch die verlängerte Pause kurz erscheinen. Auch für den aufsichthabenden Lehrer war wirklich Pause.

Wir machen Pause

Wir machen Pause

Einfach war es, den Heimat- und Sachkundeunterricht anschaulich zu gestalten, insbesondere soweit es dessen naturkundlichen Aspekt betrifft. Die Jahreszeiten guckten zum Fenster herein. Den Herbst konnten wir nicht nur sehen, sondern an den reifen Äpfeln, Birnen, Zwetschgen und Nüssen auch schmecken. Im Winter betrieben wir Vogelkunde direkt am Fenster, besuchten doch allerlei Meisen, Finken, Spatzen, Spechte, usw. unser Futterhaus.

Im Pausenhof

Im Pausenhof

Für die Weihnachtsfeier versorgten wir uns mit Moos, Wurzelstöcken, Rinden, Christbaum auf einem heimatkundlichen Erkundungsgang. Den Frühling hörten wir durchs offene Fenster herein, zum österlichen Eiersuchen boten sich der nahe Wald und der Garten an. Ein Osterspaziergang war für uns, die wir auch so recht und schlecht (Goethes) Muttersprache sprechen und schreiben verpflichtend. Drängte es uns im Sommer zu sehr ins Freie, verlegten wir den Unterricht in den Garten oder wir ließen die Pause in eine Sportstunde im Freien übergehen.
„Schulstreß? was ist das?“ fragte man sich an der Außenstelle Kirch-Siebnach.
Dort wurde nicht nur über unsere Heimat geredet, sondern Heimat verwirklicht, soweit es einer
Schule möglich ist. Als ich am letzten Schultag des Schuljahres 1979/80, die Schultüre zusperrte, drehte ich den großen Schlüssel sehr langsam und sehr bewußt um, so, als endete hier die schöne Seite einer Schulepoche und ein Traum würde zugesperrt.

Das Schulhaus

Das Schulhaus

Das Lehrerhaus

Das Lehrerhaus

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Auseinandersetzungen der Bildungsreform in den sechziger Jahren, was wurde da getönt! Der unaufhaltsame Fortschritt hänge uns ab, falls wir die Dorfschulen nicht zu großen Schulen zusammenfaßten. Solche Idyllen können wir uns nicht mehr leisten. Wir haben keine Chance, der amerikanischen und japanischen Herausforderung zu begegnen, wenn wir uns weiterhin solchen romantischen Emotionen hingeben und uns den Realitäten verschließen. Das Wort „Heimat“ oder gar „Idylle“ klang damals schier unanständig.
Heute spüren wir, daß wir damit Werte dem sogenannten Fortschritt opferten, Werte, die zu denen gehören, die unser Dasein lebens- und liebenswerter machen.
Die Dorfschule ist vorbei. Es hat keinen Sinn, ihr nachzutrauern oder gar Schuldzuweisungen vorzunehmen. Entscheidend für eine gute Lernatmosphäre ist der Geist, der in der Schule herrscht, das Verhältnis zwischen den Lehrkräften, das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern. Einen positiven Beweis dafür lieferte unsere Verbandsschule Ettringen all die Jahre,in denen Herr Schroller unser Rektor war, so daß auch diese im Vergleich zu ihrer Außenstelle Kirch-Siebnach doch große Schule da und dort Idylle und ganz gewiß Heimat verwirklichte.

                                                                                                                Ilse und Heinz Müller

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Auf dem Schulweg

Auf dem Schulweg

 

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